09/08/2026
Streamingproblem: Es tut uns sehr leid, dass uns die Technik beim heutigen Gottesdienst im Stich gelassen hat. Hier kommt zumindest die Predigt vom heutigen Israelsonntag zum Nachlesen. Wir feiern nach wie vor die Predigtreihe "Sightseeing mit Gott" - heute zum "Hasen mit den Bernsteinaugen" und dem Shma Israel
Wien, März 1938.
Schwere Schritte hallen durch das Palais Ephrussi, diesen prächtigen Bau an der Ringstraße nahe dem Schottentor.
Türen schlagen gegen die Wände. Schubladen werden herausgerissen. Männer in Uniform poltern von Zimmer zu Zimmer. Sie reißen Kleidung, Bücher, Fotos und Briefe aus den Regalen, verwüsten, was ihnen nichts wert ist. Und sie schreiben Listen. Gemälde. Silber. Möbel. Teppiche. Alles wird inventarisiert. Alles wird beschlagnahmt. Eine der reichsten jüdischen Familien Europas verliert an diesem Tag fast alles – ihr Zuhause, ihre Sicherheit, ihre Unversehrtheit und fast ihr gesamtes Hab und Gut.
Fast.
Denn während sich die Aufmerksamkeit der Beamten auf das Große richtet – auf die kostbaren Gemälde, die Bibliothek, das Silber, die Möbel –, bleibt eine Frau einen Augenblick vor einer kleinen Vitrine stehen.
Sie heißt Anna.
Sie arbeitet seit vielen Jahren im Haus.
Sie kennt jede Treppe. Jeden Salon. Jede knarrende Tür.
Und sie kennt auch die kleinen Figuren in dieser Vitrine.
Fast beiläufig nimmt sie einige von ihnen in die Hand und steckt sie in ihre Schürzentasche.
Am nächsten Tag noch eine.
Und am übernächsten wieder eine.
Tag für Tag.
Woche für Woche.
Immer wieder.
Es sind kleine japanische Schnitzfiguren.
Netsuke.
Unter ihnen ein kleiner Hase.
Kaum größer als eine Kinderhand.
Die Ohren aufmerksam aufgerichtet.
Die Augen aus warm schimmerndem Bernstein.
Der kleine Hase wird eine große Reise um die Welt machen, aber das ahnt damals im März 1938 noch niemand. Heute sitzt dieser kleine Hase wieder in Wien. Nicht mehr im Palais Ephrussi. Sondern nur wenige Schritte von unserer Kirche entfernt, im Jüdischen Museum.
Ganz still, klein und fast unscheinbar. Und doch gehört er heute zu den besonderen Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Nicht wegen seines materiellen Wertes. Sondern wegen der Geschichte, die er in sich trägt.
Dieser Hase erzählt eine Wiener Geschichte. Eine Familiengeschichte. Und zugleich auch eine europäische Geschichte. Eine Geschichte von Weltoffenheit und Kunstsinn, von Aufbruch und Reichtum. Und ebenso eine Geschichte von Ausgrenzung, Hass, Raub und Vertreibung.
Vielleicht kennen Sie diese Geschichte. Edmund de Waal hat sie in seinem Buch Der Hase mit den Bernsteinaugenaufgeschrieben.
De Waal ist ein Nachfahre der Familie Ephrussi, die damals von den N***s aus Wien vertrieben wurde.
Jahrzehnte später erbt er den Hasen mit den Bernsteinaugen. Er ist Teil einer größeren Sammlung an Netsuke, die damals vor den N***s gerettet wurden. Edmund de Waal erbt nicht einfach nur eine Kunstsammlung – er erbet die Verantwortung für die Menschen, denen die Sammlung einst gehörte und für ihre Geschichte. Und so schreibt er sie auf.
Um diese Geschichte zu verstehen müssen wir noch einmal zurückgehen. Nicht ins Jahr 1938.
Sondern fast siebzig Jahre früher. Ins Jahr 1870. Damals war Wien eine einzige riesengroße Baustelle.
Die mächtigen Festungsmauern waren gefallen. Jahrhunderte lang hatten sie die Stadt geschützt. Jetzt wurden sie Stein für Stein abgetragen. Kaiser Franz Joseph wollte aus der alten Residenzstadt eine moderne Weltstadt machen.
Dort, wo einst Soldaten patrouillierten, entstand die Ringstraße. Und diese Straße war nicht einfach eine Straße. Sie war eine Vision. Ein Versprechen. Hier sollte ein neues Wien entstehen. Weltoffen. Gebildet. Modern. Diese Straße sollte im wahrsten Sinn Grenzen überwinden.
Die Oper entstand. Das Burgtheater. Die Universität. Die Museen. Das Parlament.
Und kaum ein anderer Mensch hat diese neue Stadt so geprägt wie ein Protestant, ein Lutheraner – nämlich: Theophil Hansen!
Übrigens auch hier in unserer Gemeinde Mitglied und bei seinem Tod hier vorne aufgebahrt.
Sie kennen Theophil Hansen? –
wer weiß, was er alles gebaut hat?
Parlament, Musikverein, Börse, Akademie der bildenden Künste aber auch die evangelische Schule am Karlsplatz. Die Gustav-Adolf-Kirche in Gumpendorf Und die Christuskirche am Matzleinsdorfer Platz.
Und Hansen baute auch Wohnhäuser. Das Palais Epstein zum Beispiel. Und eben auch jenes eingangs erwähnte Palais Ephrussi.
Auftraggeber war damals einer der reichsten jüdischen Geschäftsmänner Wiens: Ignaz Ephrussi.
Seine Familie stammte ursprünglich aus der heutigen Ukraine. Reich geworden war sie mit dem Getreidehandel in Odessa.
Die Ephrussis gehörten zu den bedeutendsten jüdischen Familien Europas. Mit dem Prachtbau – direkt gegenüber von Votivkirche und Universität wollten sie ein Zeichen setzen. Ein Bekenntnis: Nämlich: Wir gehören zu dieser Stadt. Wir bauen an ihrer Zukunft mit. Wir sind Juden. Und wir sind Wiener. Beides zugleich.
Hansen versteht das. Auch er gehört zu einer religiösen Minderheit und er entwirft für die Familie eines der schönsten, repräsentativsten Ringstraßenpalais überhaupt.
Eine breite Freitreppe. Ein lichtdurchfluteter Innenhof. Prächtige Salons. Raffinierte Innenarchitektur.
Ich stelle mir manchmal vor, wie Hansen und Ignaz Ephrussi nebeneinander auf der Baustelle stehen.
Der evangelische Architekt aus Dänemark.
Der jüdische Bankier aus Odessa.
Hinter ihnen die katholische Kaiserstadt.
Drei Welten begegnen sich.
Und für einen Augenblick scheint es möglich, dass Menschen verschiedener Herkunft und Religion gemeinsam Zukunft bauen.
Dass Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern!
Das Palais Ephrussi wird zu einem Hoffnungszeichen aus Stein.
Im Ballsaal feiert man Feste, hört Musik und diskutiert über Politik, Literatur und Kunst. Gäste kommen aus Paris, London, Odessa und St. Petersburg. Man spricht Deutsch, Französisch und Russisch.
Und während die Erwachsenen feiern, scharen sich die Kinder um eine Glasvitrine. Sie steht im Ankleidezimmer der Hausherrin. Darin befinden sich zweihundertvierundsechzig kleine japanische Schnitzfiguren.
Die sogenannten Netsuke. Da findet man Füchse.
Mäuse. Mönche. Fischer. Drachen.
Und unseren kleinen Hasen.
Eigentlich war der Hase gar nicht für eine Vitrine gedacht. In Japan war er ein Gebrauchsgegenstand. Er hing am Gürtel eines Kimonos und hielt einen kleinen Beutel fest.
Erst in Europa wurde aus ihm ein Kunstobjekt. Ende des 19. Jahrhunderts begeisterte sich ganz Europa für japanische Kunst. So reiste der kleine Hase von Japan über Paris bis nach Wien.
In Emmy Ephrussis Ankleidezimmer.
Dorthin, wo die Kinder sie erreichen konnten.
Edmund de Waal beschreibt das in seinem Buch mit großer Wärme.
Während die Erwachsenen Gäste empfingen oder beim Abendessen saßen, öffnete das Kindermädchen die Vitrine.
Dann begann für die Kinder eine kleine Reise.
Sie nahmen den Hasen in die Hand.
Oder den Fuchs.
Oder den alten Mönch.
Sie erfanden Geschichten.
Die Figuren wanderten durch Kinderzimmer, über Teppiche und unter Sofas.
Sie wurden festgehalten.
Gedreht.
Gestreichelt.
Kunst, die nicht nur angeschaut wird.
Kunst, die berührt wird.
Erinnerung, die lebt.
Niemand ahnte damals, wie kostbar diese Erinnerungen einmal werden würden.
Um die Jahrhundertwende konnte man sich einfach noch nicht vorstellen, dass dieses Haus, das wie ein Symbol des gelungenen Zusammenlebens aussah, schon bald zu einem Ort der Angst werden würde?
Wer hätte gedacht, dass Menschen, die sich als selbstverständlicher Teil Wiens verstanden, plötzlich zu Fremden, zu Feinden erklärt würden?
Und doch kam es genau so und es kam der März 1938.
Plötzlich standen dieselben Türen offen, durch die jahrelang Gäste gekommen waren.
Jetzt kamen Männer in Uniform.
Dieselben Treppen, über die Kinder gelaufen waren, wurden von Stiefeln hinaufgestiegen.
Dieselben Räume, in denen Musik erklungen war, wurden Zimmer für Zimmer inventarisiert.
Es war, als wollte man nicht nur den Besitz der Familie rauben.
Man wollte ihre Erinnerung auslöschen.
Man wollte so tun, als hätte es sie nie gegeben.
Als hätte dieses Haus nie jüdisches Leben beherbergt.
Als hätte die Familie Ephrussi nie zu Wien gehört.
Die Ephrussis werden enteignet, die Bank müssen sie einem christlichen Geschäftspartner für einen Pappenstiel verkaufen.
Gedemütigt, verarmt und staatenlos fliehen die Ephrussi in alle Himmelsrichtungen.
Aber ihre Geschichte liess sich nicht auslöschen. Dafür sorgte so zumindest erzählt es Edmund de Wal, eine tapfere junge Frau.
Denn während die Männer Listen schrieben und Gemälde von den Wänden nahmen, rettete das Hausmädchen, Anna, zumindest die Netsuke-Sammlung. Allen voran unseren kleinen Hasen. Und mit ihm eine ganze Geschichte...
Jahrzehnte vergehen.
Der Krieg endet.
Das Palais bleibt.
Die Marmortreppe bleibt.
Die hohen Fenster.
Die Stuckdecken.
Steine überleben.
Aber Häuser können ihre Geschichte nicht selbst erzählen.
Sie brauchen Menschen.
Sie brauchen Erinnerung.
Und sie brauchen jemanden, der fragt.
Und das war Edmund de Waal – der Großneffe des enteigneten Victor Ephrussi.
Als er die Netsuke viele Jahrzehnte später erbt, beginnt er, seine Familiengeschichte zu erforschen und später aufzuschreiben.
Und unser kleiner Hase ist dabei der Anker. das Erinnerungsstück.
Einer jener Gegenstände, die Geschichten bewahren, wenn Menschen sie fast verloren hätten.
Der kleine Hase erzählt von jüdischem Leben in Wien.
Von einer Familie, die diese Stadt mitgeprägt hat.
Von Weltoffenheit und kulturellem Reichtum.
Von Hass, Vertreibung, Entrechtung und Entmenschlichung. Aber auch von Menschlichkeit und Mut.
Und von der Hoffnung, dass Erinnerung stärker sein kann als der Versuch, Menschen und ihre Geschichte auszulöschen.
Denn genau das wollten die Nationalsozialisten:
Nicht nur Besitz rauben.
Sondern Erinnerung vernichten.
So tun, als hätte es diese Menschen nie gegeben.
Das Buch widerspricht diesem Vergessen.
Es sagt:
Doch.
Sie haben gelebt.
Sie haben geliebt.
Sie haben diese Stadt geprägt. Sie hatten und haben IHREN PLATZ in dieser Stadt, in dieser Gesellschaft.
Und ihre Geschichte wird weitererzählt.
Genau hier berührt sich diese Familiengeschichte mit der Lesung aus dem 5. Buch Mose.
Auch Mose weiß:
Ein Volk lebt nicht von Gebäuden.
Nicht von Besitz.
Nicht einmal von Gesetzen allein.
Ein Volk lebt von den Geschichten, die es weitererzählt. Von der Erinnerung. Und vor allem vom Wissen, woher es kommt und auf wen es sich gründet.
Darum sagt Mose:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“
Der Glaube Israels lebt davon,
dass erzählt wird.
Dass erinnert wird.
Dass nicht vergessen wird.
Von Generation zu Generation.
Israel ist ein Volk der Erinnerung.
Und das ist keine Last.
Es ist eine Lebenshaltung.
Erinnerung bewahrt Identität.
Erinnerung schenkt Orientierung.
Erinnerung weckt Hoffnung.
Erinnerung verbindet Menschen.
Wer aufhört zu erzählen,
beginnt zu vergessen.
Und wer vergisst,
läuft Gefahr,
die Vergangenheit zu verklären und zu verdrehen.
Wer vergisst, läuft Gefahr, die gleichen Irrtümer zu wiederholen.
Den Hass von gestern für die Wahrheit von heute zu halten.
Gerade am Israelsonntag hören wir diesen Auftrag neu:
Vergiss nicht! NEVER FORGET!
Vergiss nicht die Familie Ephrussi.
Vergiss nicht das jüdische Wien.
Vergiss nicht den kleinen Hasen mit den Bernsteinaugen.
Vergiss nicht,
dass Antisemitismus – wie jeder Hass gegen Minderheiten – nicht erst mit Gewalt beginnt.
Sondern mit Worten.
Mit Vorurteilen.
Mit Witzen.
Mit Verschwörungserzählungen.
Und mit dem Schweigen derer,
die wegsehen.
Darum, liebe Gemeinde:
Never forget.
Das ist mehr als ein Appell.
Es ist ein Auftrag.
Erzählt Geschichte weiter.
Damit unsere Kinder wissen, was geschehen ist.
Damit sie erkennen, wohin Hass führt.
Damit sie lernen, wie kostbar Freiheit, Menschenwürde und ein friedliches Miteinander sind.
Vielleicht gehen Sie nach dem Gottesdienst tatsächlich ein paar Schritte hinüber ins Jüdische Museum.
Schauen Sie den kleinen Hasen an.
Er wird Ihnen vermutlich nichts erzählen.
Aber vielleicht erinnert er Sie an das,
was Gott seinem Volk seit Jahrhunderten sagt:
Erinnert euch. Erzählt weiter!
Denn wer sich erinnert,
übernimmt Verantwortung.
Für die Wahrheit.
Für den Mitmenschen.
Und für die Zukunft.
Und wer weitererzählt,
hilft mit,
dass sich Geschichte - hoffentlich - nicht wiederholt.
Amen.