Lutherische Stadtkirche Wien

Lutherische Stadtkirche Wien Evangelisches Leben im Zentrum Wiens. Gottesdienste für Groß und Klein, Möglichkeit zum Innehalten, zum Gestalten und zur Gemeinschaft.

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06/09/2026

Julia Schnizlein über die Zeit nach dem Sommer

16/08/2026

Predigt Sightseeing mit Gott: Die Spittelau „Die Kunst, mit dem Rest zu leben“
16. August 2026
Liebe Gemeinde,
es gibt Gebäude, bei denen man sofort versteht, warum sie Sehenswürdigkeiten sind.
Die Hofburg.
Schönbrunn.
Das Rathaus.
Unsere Kirche.
Und dann gibt es die Spittelau.
Eine Müllverbrennungsanlage.
Eigentlich kein Ort, den man seinen Gästen zeigt.
„Willkommen in Wien! Was wollt ihr sehen? Schloss Schönbrunn? Den Stephansdom? – Nein, ich hätte etwas Besseres: unsere Müllverbrennung.“
Und trotzdem ist sie eine Sehenswürdigkeit. Denn sie ist ein Kunstwerk.
Mit ihren bunten Fassaden.
Den unregelmäßigen Fenstern..
Den Karos und den geschwungenen Linien. Den Türmchen.
Und natürlich mit dieser riesigen goldenen Kugel auf dem Schornstein.
Hinter diesem Kunstwerk steckt Friedensreich Hundertwasser.
Ein international berühmter österreichischer Künstler, bekannt für kräftige Farben, unregelmäßige Formen und seine leidenschaftliche Abneigung gegen die gerade Linie.
Hundertwasser war ein Exzentriker – aber einer mit Überzeugungen.
Er war engagierter Umweltschützer und ein scharfer Kritiker unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft.
Und ausgerechnet dieser Mann gestaltete einen Ort, an dem Wien das verbrennt, was es nicht mehr haben will.
Eigentlich ein Widerspruch.
Und genau deshalb taugt die Spittelau so gut für eine Predigt.
Denn Müll ist eine merkwürdige Sache.
Eigentlich sollte er gar nicht erst entstehen.
Der beste Müll ist der, den wir nicht produzieren.
Wir sollen Dinge wiederverwenden.
Reparieren.
Recyceln.
Weniger wegwerfen.
Und genau das war auch Hundertwasser wichtig.
Als der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk ihn nach dem Brand der Müllverbrennungsanlage fragte, ob er den Wiederaufbau künstlerisch gestalten würde, wollte Hundertwasser zunächst nicht.
Sicher nicht – soll er gesagt haben. Eine Müllverbrennungsanlage auch noch schön machen?
Auf keinen Fall wollte er einer Gesellschaft, die immer mehr kauft, verbraucht und wegwirft, auch noch ein gutes Gewissen in Form einer hübschen Fassade verpassen.
Überhaupt waren die Verhandlungen mit Hundertwasser offenbar nicht ganz einfach.
Immer wieder ging es darum, was er wollte, was technisch möglich war – und was nicht.
Und irgendwann soll Hundertwasser entnervt aufgestanden sein und gesagt haben:
„Ich hau den Hut drauf!“
Also: Mir reicht's.
Und wenn Sie sich die Spittelau heute anschauen, entdecken Sie auf dem Dach tatsächlich ein riesiges Kapperl – eine Nachbildung von Hundertwassers typischer Kopfbedeckung.
Der Hut, den er draufhauen wollte, sitzt heute also auf der Müllverbrennungsanlage.
Sehr wienerisch.
Und sehr Hundertwasser.
Am Ende ließ er sich doch überzeugen mitzumachen – allerdings nicht einfach, um den Müll hübsch zu verpacken. Für ihn war klar: Müllvermeidung muss an erster Stelle stehen.

Und ich finde, er hatte recht. 165 Kilo Restmüll produziert jede Österreicherin, jeder Österreicher pro Jahr. Das muss nicht sein. Das ist zu viel.
Aber selbst wenn wir uns wirklich bemühen: weniger Verpackungen, weniger Fast Fashion, weniger Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Wenn wir reparieren, wiederverwenden, weitergeben, recyceln – selbst dann bleibt etwas übrig.
Ein Rest.
Und für diesen Rest braucht es eine möglichst verantwortliche Lösung.
Hundertwasser war das auch bewusst. Deswegen ließ er sich auch irgendwann überzeugen, an dieser Lösung mitzuwirken.
Seine Überzeugung: Müll ist ein Problem.
Wir sollten weniger davon machen.
Aber wenn er nun einmal da ist – müssen wir das Beste draus machen!
Und diese Überzeugung, dieses Motto, liebe Gemeinde, reicht weit über eine Müllverbrennungsanlage hinaus. Dieses Motto das gilt auch für unser Alltags- und für unser Innenleben. Quasi für den biografischen und emotionalen Restmüll unseres Lebens.
Dinge, von denen wir uns wünschen, wir hätten sie nicht produziert.
Fehler, die wir bitter bereuen.
Sätze, die wir besser nicht gesagt hätten.
Entscheidungen, die wir gern anders getroffen hätten.

Eine Gelegenheit, die wir verpasst haben und an der wir heute noch hängen.
Oder etwas, das wir einem anderen Menschen schuldig geblieben sind.
Wie gehen wir damit um?
Natürlich sollen wir daran arbeiten.
Wir versuchen, klüger zu werden.
Liebevoller.
Geduldiger.
Aufmerksamer.
Wir entschuldigen uns.
Wir versuchen wiedergutzumachen, was wiedergutzumachen ist.
So wie beim Müll gilt auch im Leben:
Was sich vermeiden lässt, sollen wir vermeiden.
Was sich verändern lässt, sollen wir verändern.
Was sich wiedergutmachen lässt, sollen wir wiedergutmachen.
Aber selbst dann bleibt etwas übrig.
Und vielleicht gehört es zum Erwachsenwerden, irgendwann genau das zu entdecken:
Ich werde niemals restlos.
Ich werde nicht eines Morgens aufwachen und plötzlich ein Mensch sein, bei dem alles aufgearbeitet ist.
Alles geheilt.
Alles versöhnt.
Alle Fehler eingesehen. Alle Versäumnisse aufgeholt.
Alle Beziehungen geklärt.
Alle Unsicherheiten überwunden.
So ein Mensch werde ich nicht.
Und Sie übrigens auch nicht.
Wir bleiben Menschen.
wir werden nie restlos glücklich.
Restlos versöhnt.
Restlos souverän.
Also stellt sich die Frage:
Wie lebe ich mit dem, was bleibt? Was tun mit dem Rest.
Vielleicht hilft uns da noch einmal der Blick auf die Spittelau.
Denn eines kann man über diese Müllverbrennungsanlage wirklich nicht behaupten:
Nämlich, dass sie sich versteckt.
Im Gegenteil.
Diesen Schornstein mit der riesigen goldenen Kugel sieht man schon von sehr weit her.
Wer mit dem Zug nach Wien hineinfährt, sieht ihn.
Wer auf der Donau unterwegs ist, sieht ihn.
Die Spittelau ist einfach nicht zu übersehen. Mit Absicht:
Hundertwasser hat die Anlage explizit sichtbar gemacht.
Und genau hier beginnt der verantwortliche Umgang mit dem, was wir lieber nicht hätten:
Hinschauen.
Nicht verstecken.
Nicht so tun, als wäre nichts.
Denn Müll verschwindet ja nicht dadurch, dass wir ihn nicht mehr sehen.
Und mit dem Müll unseres Lebens ist es genauso.
Ein Satz, mit dem ich jemanden verletzt habe, ist gesagt.
Eine Lüge ist eine Lüge.
Eine Feigheit bleibt eine Feigheit.
Ein Ehebruch bleibt ein Ehebruch.
Eine Entscheidung, mit der ich einem anderen Menschen geschadet habe, gehört zu meiner Geschichte.
Natürlich könnte ich sagen:
So schlimm war es doch gar nicht.
Ich kann sagen:
Man muss auch meine Seite verstehen.
Ich kann Gründe finden, warum ich gar nicht anders handeln konnte.
Ich kann versuchen, die Sache möglichst schnell unter den Teppich zu kehren.
Oder – besonders beliebt – ich kann meinen Müll jemand anderem vor die Tür stellen.
Die anderen waren schuld.
Die haben mich provoziert.
Die haben angefangen.
Ich konnte gar nicht anders.
Wenn der andere sich anders verhalten hätte, dann hätte ich das alles nicht getan.
Und irgendwann ist aus meinem Fehler die Schuld eines anderen geworden.
Das ist praktisch.
Nur verantwortlich ist es nicht.
Verantwortung beginnt mit einem anderen Satz.
Einem sehr einfachen und manchmal sehr schweren Satz – nämlich:
Das ist mein Müll.
Das war ich.
Das habe ich gesagt.
Das habe ich getan.
Da habe ich einen Menschen verletzt.
Da bin ich jemandem etwas schuldig geblieben.
Dafür trage ich Verantwortung.
Ich glaube, das ist eine der schwierigsten Übungen unseres Lebens.
Nicht nur hinzuschauen, wenn andere etwas falsch machen.
Sondern hinzuschauen, wenn es um uns selbst geht.
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“, sagte Jesus – und plötzlich war niemand mehr übrig. Weil keiner ohne Sünde ist. Keiner ohne emotionalen Restmüll. Jeder hat eine Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern ist.
Aber jeder hat eine Zukunft, um aus den Resten der Vergangenheit etwas Gutes wachsen zu lassen. Und hier kommen wir wieder zur Spittelau. Denn in der Spittelau werden die Reste unseres Alltags in etwas anderes transformiert. Etwas nützliches. Etwas Gutes.
Nämlich in Wärme. Mit der Müllverbrennung entsteht Wärme – für das Allgemeine Krankenhaus, für Wohnungen, für die Stadt.
Aus etwas, das niemand mehr haben wollte, entsteht etwas, das Menschen brauchen können.
Und vielleicht kann so etwas auch in unserem Leben geschehen.
Nicht, weil unsere Fehler heimlich doch gut gewesen wären.
Nein. Wir müssen unseren Müll nicht glorifizieren.
Aber wenn wir den Mut haben hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen, dann kann aus der Auseinandersetzung mit unserem eigenen Scheitern tatsächlich etwas wachsen.
Aus einem Fehler kann Verständnis wachsen. Weil ich weiß, wie leicht ein Mensch falsch entscheiden kann.
Aus eigener Schuld kann Demut wachsen. Weil ich nicht mehr von oben auf die Fehler anderer schauen kann.
Aus einer eigenen Wunde kann Behutsamkeit wachsen. Weil ich weiß, wie verletzlich ein Mensch ist.
Und aus der Erfahrung, selbst Vergebung gebraucht zu haben, kann Barmherzigkeit wachsen.
Das Geschehene wird dadurch nicht gut.
Aber vielleicht kann aus dem Umgang damit etwas Gutes entstehen.
Und das, liebe Gemeinde, ist Gnade. Gottes große Gnade.
Gnade ist keine bunte Hundertwasserfassade für unsere Schuld.
Ein bisschen Farbe drauf.
Ein bisschen Gold.
Dann sieht es schon nicht mehr so schlimm aus.
Nein.
Gnade vertuscht nichts.
Gott kennt uns ohnehin.
Wir haben es vorhin mit Psalm 139 gebetet:
„HERR, du erforschest mich und kennest mich.“
Vor Gott brauche ich keine weiße Weste vorzuführen.
Er kennt die Flecken längst.
Und weil Gott mich kennt, muss ich mich nicht verstecken.
Weil mein Wert vor Gott nicht davon abhängt, dass ich fehlerlos bin, muss ich meine Fehler nicht leugnen.
Ich muss – ja ich darf mich nicht herausreden.
Ich darf kein armes Würstchen sein, dass immer andere beschuldigt. Das brauche ich nicht.
Ich darf hinschauen.
Ich darf sagen:
Ja. Das war ich. Das war falsch. Das ist mein Mist und ich will Verantwortung dafür übernehmen. Im Glauben, dass Gott mir hilft und dass Gott aus allem, selbst aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.
Liebe Gemeinde – gehen Sie mal in sich. Forschen Sie mal nach, was da ist, was sie belastet. Erschwert. Ihr Gewissen bedrückt. Wofür Sie sich schämen. Schauen sie auf den inneren Restmüll.
Gott nimmt uns die Verantwortung für diesen Restmüll nicht ab.
Aber er nimmt uns die Angst, die Verantwortung dafür zu übernehmen.
PAUSE
Liebe Gemeinde. Wir alle werden nicht restlos.
Aber mit Gottes Hilfe kann aus unseren Resten Wärme entstehen. Davon bin ich überzeugt.
Amen.

16/08/2026

Rechtzeitig vor der Predigt hat die Technik sich wieder zurückgemeldet. Hier der heutige Gottesdienst zur Spittelau und dem Restmüll unseres Lebens

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Morgen bei „Sightseeing mit Gott“ : Die Spittelau! Und die Frage, wie gehen wir mit dem um, was wir in unserem Leben ung...
15/08/2026

Morgen bei „Sightseeing mit Gott“ : Die Spittelau! Und die Frage, wie gehen wir mit dem um, was wir in unserem Leben ungewollt produzieren und hinterlassen. Gottesdienst um 10:00 Uhr In der Lutherische Stadtkirche Wien

12/08/2026

Eine traurige Nachricht hat uns erreicht. Nach ihrer geliebten Schwester Martina ist nun auch Ingrid von uns gegangen! Beide waren unsere treue Besucherinnen und Freundinnen des Warmen Platzerls. Liebe Ingrid, wir wünschen Dir fröhliche Auuferstehung, jetzt bist du wieder vereint mit deiner geliebten Schwester! Wer sich von Ingrid verabschieden möchte, kann am Donnerstag 20.8. um 15.00 auf den Zentralfriedhof in die Halle 1 kommen. -Fans

09/08/2026

Streamingproblem: Es tut uns sehr leid, dass uns die Technik beim heutigen Gottesdienst im Stich gelassen hat. Hier kommt zumindest die Predigt vom heutigen Israelsonntag zum Nachlesen. Wir feiern nach wie vor die Predigtreihe "Sightseeing mit Gott" - heute zum "Hasen mit den Bernsteinaugen" und dem Shma Israel

Wien, März 1938.
Schwere Schritte hallen durch das Palais Ephrussi, diesen prächtigen Bau an der Ringstraße nahe dem Schottentor.
Türen schlagen gegen die Wände. Schubladen werden herausgerissen. Männer in Uniform poltern von Zimmer zu Zimmer. Sie reißen Kleidung, Bücher, Fotos und Briefe aus den Regalen, verwüsten, was ihnen nichts wert ist. Und sie schreiben Listen. Gemälde. Silber. Möbel. Teppiche. Alles wird inventarisiert. Alles wird beschlagnahmt. Eine der reichsten jüdischen Familien Europas verliert an diesem Tag fast alles – ihr Zuhause, ihre Sicherheit, ihre Unversehrtheit und fast ihr gesamtes Hab und Gut.
Fast.
Denn während sich die Aufmerksamkeit der Beamten auf das Große richtet – auf die kostbaren Gemälde, die Bibliothek, das Silber, die Möbel –, bleibt eine Frau einen Augenblick vor einer kleinen Vitrine stehen.
Sie heißt Anna.
Sie arbeitet seit vielen Jahren im Haus.
Sie kennt jede Treppe. Jeden Salon. Jede knarrende Tür.
Und sie kennt auch die kleinen Figuren in dieser Vitrine.
Fast beiläufig nimmt sie einige von ihnen in die Hand und steckt sie in ihre Schürzentasche.
Am nächsten Tag noch eine.
Und am übernächsten wieder eine.
Tag für Tag.
Woche für Woche.
Immer wieder.
Es sind kleine japanische Schnitzfiguren.
Netsuke.
Unter ihnen ein kleiner Hase.
Kaum größer als eine Kinderhand.
Die Ohren aufmerksam aufgerichtet.
Die Augen aus warm schimmerndem Bernstein.

Der kleine Hase wird eine große Reise um die Welt machen, aber das ahnt damals im März 1938 noch niemand. Heute sitzt dieser kleine Hase wieder in Wien. Nicht mehr im Palais Ephrussi. Sondern nur wenige Schritte von unserer Kirche entfernt, im Jüdischen Museum.
Ganz still, klein und fast unscheinbar. Und doch gehört er heute zu den besonderen Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Nicht wegen seines materiellen Wertes. Sondern wegen der Geschichte, die er in sich trägt.
Dieser Hase erzählt eine Wiener Geschichte. Eine Familiengeschichte. Und zugleich auch eine europäische Geschichte. Eine Geschichte von Weltoffenheit und Kunstsinn, von Aufbruch und Reichtum. Und ebenso eine Geschichte von Ausgrenzung, Hass, Raub und Vertreibung.
Vielleicht kennen Sie diese Geschichte. Edmund de Waal hat sie in seinem Buch Der Hase mit den Bernsteinaugenaufgeschrieben.
De Waal ist ein Nachfahre der Familie Ephrussi, die damals von den N***s aus Wien vertrieben wurde.
Jahrzehnte später erbt er den Hasen mit den Bernsteinaugen. Er ist Teil einer größeren Sammlung an Netsuke, die damals vor den N***s gerettet wurden. Edmund de Waal erbt nicht einfach nur eine Kunstsammlung – er erbet die Verantwortung für die Menschen, denen die Sammlung einst gehörte und für ihre Geschichte. Und so schreibt er sie auf.
Um diese Geschichte zu verstehen müssen wir noch einmal zurückgehen. Nicht ins Jahr 1938.
Sondern fast siebzig Jahre früher. Ins Jahr 1870. Damals war Wien eine einzige riesengroße Baustelle.
Die mächtigen Festungsmauern waren gefallen. Jahrhunderte lang hatten sie die Stadt geschützt. Jetzt wurden sie Stein für Stein abgetragen. Kaiser Franz Joseph wollte aus der alten Residenzstadt eine moderne Weltstadt machen.
Dort, wo einst Soldaten patrouillierten, entstand die Ringstraße. Und diese Straße war nicht einfach eine Straße. Sie war eine Vision. Ein Versprechen. Hier sollte ein neues Wien entstehen. Weltoffen. Gebildet. Modern. Diese Straße sollte im wahrsten Sinn Grenzen überwinden.
Die Oper entstand. Das Burgtheater. Die Universität. Die Museen. Das Parlament.
Und kaum ein anderer Mensch hat diese neue Stadt so geprägt wie ein Protestant, ein Lutheraner – nämlich: Theophil Hansen!
Übrigens auch hier in unserer Gemeinde Mitglied und bei seinem Tod hier vorne aufgebahrt.
Sie kennen Theophil Hansen? –
 wer weiß, was er alles gebaut hat?
Parlament, Musikverein, Börse, Akademie der bildenden Künste aber auch die evangelische Schule am Karlsplatz. Die Gustav-Adolf-Kirche in Gumpendorf Und die Christuskirche am Matzleinsdorfer Platz.
Und Hansen baute auch Wohnhäuser. Das Palais Epstein zum Beispiel. Und eben auch jenes eingangs erwähnte Palais Ephrussi.
Auftraggeber war damals einer der reichsten jüdischen Geschäftsmänner Wiens: Ignaz Ephrussi.
Seine Familie stammte ursprünglich aus der heutigen Ukraine. Reich geworden war sie mit dem Getreidehandel in Odessa.
Die Ephrussis gehörten zu den bedeutendsten jüdischen Familien Europas. Mit dem Prachtbau – direkt gegenüber von Votivkirche und Universität wollten sie ein Zeichen setzen. Ein Bekenntnis: Nämlich: Wir gehören zu dieser Stadt. Wir bauen an ihrer Zukunft mit. Wir sind Juden. Und wir sind Wiener. Beides zugleich.
Hansen versteht das. Auch er gehört zu einer religiösen Minderheit und er entwirft für die Familie eines der schönsten, repräsentativsten Ringstraßenpalais überhaupt.
Eine breite Freitreppe. Ein lichtdurchfluteter Innenhof. Prächtige Salons. Raffinierte Innenarchitektur.
Ich stelle mir manchmal vor, wie Hansen und Ignaz Ephrussi nebeneinander auf der Baustelle stehen.
Der evangelische Architekt aus Dänemark.
Der jüdische Bankier aus Odessa.
Hinter ihnen die katholische Kaiserstadt.
Drei Welten begegnen sich.
Und für einen Augenblick scheint es möglich, dass Menschen verschiedener Herkunft und Religion gemeinsam Zukunft bauen.

Dass Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern!

Das Palais Ephrussi wird zu einem Hoffnungszeichen aus Stein.
Im Ballsaal feiert man Feste, hört Musik und diskutiert über Politik, Literatur und Kunst. Gäste kommen aus Paris, London, Odessa und St. Petersburg. Man spricht Deutsch, Französisch und Russisch.
Und während die Erwachsenen feiern, scharen sich die Kinder um eine Glasvitrine. Sie steht im Ankleidezimmer der Hausherrin. Darin befinden sich zweihundertvierundsechzig kleine japanische Schnitzfiguren.
Die sogenannten Netsuke. Da findet man Füchse.
Mäuse. Mönche. Fischer. Drachen.
Und unseren kleinen Hasen.
Eigentlich war der Hase gar nicht für eine Vitrine gedacht. In Japan war er ein Gebrauchsgegenstand. Er hing am Gürtel eines Kimonos und hielt einen kleinen Beutel fest.
Erst in Europa wurde aus ihm ein Kunstobjekt. Ende des 19. Jahrhunderts begeisterte sich ganz Europa für japanische Kunst. So reiste der kleine Hase von Japan über Paris bis nach Wien.
In Emmy Ephrussis Ankleidezimmer.
Dorthin, wo die Kinder sie erreichen konnten.
Edmund de Waal beschreibt das in seinem Buch mit großer Wärme.
Während die Erwachsenen Gäste empfingen oder beim Abendessen saßen, öffnete das Kindermädchen die Vitrine.
Dann begann für die Kinder eine kleine Reise.
Sie nahmen den Hasen in die Hand.
Oder den Fuchs.
Oder den alten Mönch.
Sie erfanden Geschichten.
Die Figuren wanderten durch Kinderzimmer, über Teppiche und unter Sofas.
Sie wurden festgehalten.
Gedreht.
Gestreichelt.
Kunst, die nicht nur angeschaut wird.
Kunst, die berührt wird.
Erinnerung, die lebt.
Niemand ahnte damals, wie kostbar diese Erinnerungen einmal werden würden.
Um die Jahrhundertwende konnte man sich einfach noch nicht vorstellen, dass dieses Haus, das wie ein Symbol des gelungenen Zusammenlebens aussah, schon bald zu einem Ort der Angst werden würde?
Wer hätte gedacht, dass Menschen, die sich als selbstverständlicher Teil Wiens verstanden, plötzlich zu Fremden, zu Feinden erklärt würden?
Und doch kam es genau so und es kam der März 1938.
Plötzlich standen dieselben Türen offen, durch die jahrelang Gäste gekommen waren.
Jetzt kamen Männer in Uniform.
Dieselben Treppen, über die Kinder gelaufen waren, wurden von Stiefeln hinaufgestiegen.
Dieselben Räume, in denen Musik erklungen war, wurden Zimmer für Zimmer inventarisiert.
Es war, als wollte man nicht nur den Besitz der Familie rauben.
Man wollte ihre Erinnerung auslöschen.
Man wollte so tun, als hätte es sie nie gegeben.
Als hätte dieses Haus nie jüdisches Leben beherbergt.
Als hätte die Familie Ephrussi nie zu Wien gehört.
Die Ephrussis werden enteignet, die Bank müssen sie einem christlichen Geschäftspartner für einen Pappenstiel verkaufen.

Gedemütigt, verarmt und staatenlos fliehen die Ephrussi in alle Himmelsrichtungen.

Aber ihre Geschichte liess sich nicht auslöschen. Dafür sorgte so zumindest erzählt es Edmund de Wal, eine tapfere junge Frau.
Denn während die Männer Listen schrieben und Gemälde von den Wänden nahmen, rettete das Hausmädchen, Anna, zumindest die Netsuke-Sammlung. Allen voran unseren kleinen Hasen. Und mit ihm eine ganze Geschichte...
Jahrzehnte vergehen.
Der Krieg endet.
Das Palais bleibt.
Die Marmortreppe bleibt.
Die hohen Fenster.
Die Stuckdecken.
Steine überleben.
Aber Häuser können ihre Geschichte nicht selbst erzählen.
Sie brauchen Menschen.
Sie brauchen Erinnerung.
Und sie brauchen jemanden, der fragt.
Und das war Edmund de Waal – der Großneffe des enteigneten Victor Ephrussi.
Als er die Netsuke viele Jahrzehnte später erbt, beginnt er, seine Familiengeschichte zu erforschen und später aufzuschreiben.

Und unser kleiner Hase ist dabei der Anker. das Erinnerungsstück.
Einer jener Gegenstände, die Geschichten bewahren, wenn Menschen sie fast verloren hätten.
Der kleine Hase erzählt von jüdischem Leben in Wien.
Von einer Familie, die diese Stadt mitgeprägt hat.
Von Weltoffenheit und kulturellem Reichtum.
Von Hass, Vertreibung, Entrechtung und Entmenschlichung. Aber auch von Menschlichkeit und Mut.
Und von der Hoffnung, dass Erinnerung stärker sein kann als der Versuch, Menschen und ihre Geschichte auszulöschen.
Denn genau das wollten die Nationalsozialisten:
Nicht nur Besitz rauben.
Sondern Erinnerung vernichten.
So tun, als hätte es diese Menschen nie gegeben.
Das Buch widerspricht diesem Vergessen.
Es sagt:
Doch.
Sie haben gelebt.
Sie haben geliebt.
Sie haben diese Stadt geprägt. Sie hatten und haben IHREN PLATZ in dieser Stadt, in dieser Gesellschaft.

Und ihre Geschichte wird weitererzählt.
Genau hier berührt sich diese Familiengeschichte mit der Lesung aus dem 5. Buch Mose.
Auch Mose weiß:
Ein Volk lebt nicht von Gebäuden.
Nicht von Besitz.
Nicht einmal von Gesetzen allein.
Ein Volk lebt von den Geschichten, die es weitererzählt. Von der Erinnerung. Und vor allem vom Wissen, woher es kommt und auf wen es sich gründet.
Darum sagt Mose:
„Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“
Der Glaube Israels lebt davon,
dass erzählt wird.
Dass erinnert wird.
Dass nicht vergessen wird.
Von Generation zu Generation.
Israel ist ein Volk der Erinnerung.
Und das ist keine Last.
Es ist eine Lebenshaltung.
Erinnerung bewahrt Identität.
Erinnerung schenkt Orientierung.
Erinnerung weckt Hoffnung.
Erinnerung verbindet Menschen.
Wer aufhört zu erzählen,
beginnt zu vergessen.
Und wer vergisst,
läuft Gefahr,
die Vergangenheit zu verklären und zu verdrehen.
Wer vergisst, läuft Gefahr, die gleichen Irrtümer zu wiederholen.
Den Hass von gestern für die Wahrheit von heute zu halten.
Gerade am Israelsonntag hören wir diesen Auftrag neu:
Vergiss nicht! NEVER FORGET!
Vergiss nicht die Familie Ephrussi.
Vergiss nicht das jüdische Wien.
Vergiss nicht den kleinen Hasen mit den Bernsteinaugen.
Vergiss nicht,
dass Antisemitismus – wie jeder Hass gegen Minderheiten – nicht erst mit Gewalt beginnt.
Sondern mit Worten.
Mit Vorurteilen.
Mit Witzen.
Mit Verschwörungserzählungen.
Und mit dem Schweigen derer,
die wegsehen.

Darum, liebe Gemeinde:
Never forget.
Das ist mehr als ein Appell.
Es ist ein Auftrag.
Erzählt Geschichte weiter.
Damit unsere Kinder wissen, was geschehen ist.
Damit sie erkennen, wohin Hass führt.
Damit sie lernen, wie kostbar Freiheit, Menschenwürde und ein friedliches Miteinander sind.

Vielleicht gehen Sie nach dem Gottesdienst tatsächlich ein paar Schritte hinüber ins Jüdische Museum.
Schauen Sie den kleinen Hasen an.
Er wird Ihnen vermutlich nichts erzählen.
Aber vielleicht erinnert er Sie an das,
was Gott seinem Volk seit Jahrhunderten sagt:
Erinnert euch. Erzählt weiter!

Denn wer sich erinnert,
übernimmt Verantwortung.
Für die Wahrheit.
Für den Mitmenschen.
Und für die Zukunft.
Und wer weitererzählt,
hilft mit,
dass sich Geschichte - hoffentlich - nicht wiederholt.
Amen.

Kommt, es wird bestimmt sehr interessant!
23/06/2026

Kommt, es wird bestimmt sehr interessant!

18/06/2026

Wir verabschieden uns von unserem Pfarrer Johannes Modeß - am 28. Juni um 11 !! Uhr im Gottesdienst und beim anschließen...
18/06/2026

Wir verabschieden uns von unserem Pfarrer Johannes Modeß - am 28. Juni um 11 !! Uhr im Gottesdienst und beim anschließenden ökumenischen Straßenfest. Kommt und bringt Kuchen mit!

📆 Freitag 29.5.🕥 ab 22:30 UhrIm Zuge der langen Nacht der Kirchen wirds in der Lutherischen Stadtkirche ab 22:30 bis ca ...
26/05/2026

📆 Freitag 29.5.
🕥 ab 22:30 Uhr

Im Zuge der langen Nacht der Kirchen wirds in der Lutherischen Stadtkirche ab 22:30 bis ca 1.30 Uhr laut und bunt! Zu fetzigen Liedern wird in der Kirche gefeiert. Damit alle lang genug durchhalten und niemand durchs viele Tanzen durstig sein muss, werden gegen eine freiwillige Spende Spritzer, Bier und weitere alkoholfreie Getränke ausgeschenkt !
Zum Church Clubbing sind wirklich absolut alle herzlich willkommen! Bring a friend oder auch zwölf!;)
Alle weiteren Infos:
https://www.langenachtderkirchen.at/termin/dancefloor-halleluja-church-clubbing/

Adresse

Dorotheergasse 18
Wien
1010

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