01/09/2026
VERENA HABERL GESTALTET DIE ZYPRESSE
Auch Verena hatte sich ganz allgemein mit der Zypresse beschäftigt und sie steht für Ewigkeit, Leben und Tod, Verbindung zum Himmel und Trauer. Mythologisch stellt die Zypresse eine Verbindung zur Unterwelt dar, weshalb sie im Mittelmeerraum ein typischer Baum von Friedhöfen ist. Der Name Zypresse leitet sich von Kaparyssus, einem jugendlichen Begleiter des Gottes Apoll ab. Apoll schenkte ihm einen Hirsch mit goldenem Geweih, den Kaparyssus sehr liebte. Als er auf der Jagd ist wirft er seinen Speer in die Richtung eines Geräusches im Dickicht und trifft diesen Lieblingshirsch. Kaparyssus verfällt in tiefe Trauer und bittet die Götter auch ihn zu töten. Apoll verwandelt seinen Freund in eine Zypresse und erklärt sie zum Symbol des Trauerns.
Auf all das wollte Verena aber nicht eingehen. Sie fand jedoch die Darstellung einer Zypresse in einem der berühmtesten Gemälden der Kunstgeschichte sehr interessant. Vincent van Gogh setzt sie ganz markant im Vordergrund seines Bildes Sternennacht ein. Das Bild entstand im Juni 1889 während seines Aufenthalts in der Nervenheilanstalt im südfranzösischen Saint-Rémy-de-Provence. Van Gogh befand sich folglich in einer depressiven Phase in diesem Augenblick. Er malt den Ort und die Zypresse aus seiner Erinnerung und ließ darüber eine von Sternen durchwirbelte Nacht entstehen. Wahrscheinlich bedeutet die Zypresse für ihn eine Verbindung zwischen den Welten. Mit ihrer dunklen, flammenartigen Form ragt die Zypresse im Vordergrund des Bildes weit nach oben und verbindet optische, das Dorf oder die Erde mit dem unendlichen Himmel. Natürlich war van Gogh die Todesbedeutung dieser Pflanze im mediterranen Raum bekannt. Er selbst sah in ihnen oft ein düsteres Element, verglich sie allerdings gleichzeitig mit ägyptischen Obelisken, die ja pure Sonnensymbole sind. Vielleicht sah van Gogh auch sein eigenes Leben mit der Zypresse verbunden und darin das menschliche Streben nach einem Leben nach dem Tod, den er in seinen depressiven Phasen geradezu suchte.
In dem Bild gerät der Himmel über dem ruhigen Dorf fast in Ekstase. Elf Sterne und ein Halbmond scheinen nicht mehr starr am Himmel zu stehen, nein, sie geraten in Bewegung und der Himmel wird dadurch irreal und expressiv wie lebendig. Diese Malweise ist typisch für van Gogh, der nicht das malte was er sah, sondern was er fühlte. Gerade diese Bild ist eine Komposition und den realen Hintergrund dafür gibt es gar nicht. Das macht die Gestaltung des Bildes noch emotionaler. Van Gogh taucht förmlich in die dunkelblaue Farbe des Himmels ein und bringt durch diese Dunkelheit das Gelb der Gestirne noch mehr zum Strahlen. Man geht heute davon aus, dass er hin- und hergerissen bei dem Malen dieses Bildes war. Er gehörte noch der Erde, sehnte sich aber vielleicht schon nach dem Himmel. Vielleicht sehnte er sich auch ganz einfach nach einem guten Leben nach seinem Tod.
All das faszinierte Verena und so tauchte sie in das Bild und damit in das Leben von van Gogh ein. Ihre Zypresse hatte sie folglich auch einen sehr speziellen Pfad zu ihrer Bargestaltung geleitet. Sie fand es glaube ich auch aus einem sehr persönlichen Grund anziehend, um sich damit zu beschäftigen. Verena bezeichnet sich selbst immer als absolut Rationalistin und das steht ja komplementär zum Wesen von Vincent van Gogh, der ein hundertprozentiger Emotionaler war. Vielleicht zog Verena gerade dieser Kontrast so besonders an. Verena würde gerne immer alles ganz genau erklären wollen und dafür braucht sie Fakten. Bei diesem Gemälde war sie in der Deutung jedoch auf Vermutungen angewiesen und auf einen Menschen, der rational unmöglich fassbar ist. Ich fand das anfänglich verblüffend, mit der Zeit jedoch gar nicht mehr. Ich dachte vielleicht ist Verena gerade in diesem Moment auf die Entdeckungsreise ihrer emotionaler Seite gegangen. Sie muss ja da sein, denn es gibt keinen Menschen ohne sie. Vielleicht, so dachte ich, fällt es Verena leichter über die Emotionen eines anderen Menschen zu ihren eigenen zu gelangen, denn eines war mir bei ihr klar, dass sie eine absolut rationale Seite zeigt, aber zutiefst berührt werden kann. Vielleicht ist diese emotionale Berührung ein wenig gefährlich für sie selbst und ich fand es spannend, dass sie ausgerechnet in ihrer Meisterprüfung das wagen würde. Ich war mir sicher, dass nur der Einstieg in das Gemälde für Verena einen rationalen Grund hatte, dass sie aber ab dann, mit den Emotionen von van Gogh konfrontiert, sich auch selbst bekennen musste.
Die Bargestaltung wirkte auf den ersten Augenblick absolut rational. Die Bar war eckig-kantig, der rechte Winkel beherrschte die Gesamtaussage und die Reduktion der Gestaltung war schon fast brutal in der Vereinfachung. Optisch hatte sich Verena einer anderen Kunstgattung genähert und zwar dem Kubismus, in dem sie alle Formen geometrisch vereinfachte und sie die Floralien auf den ersten Blick in diese Form zwang. Diese Lösung fand ich unglaublich spannend und für Verena authentisch. Auf dem eckigen Tisch platzierte Verena rechteckige Plexiglasscheiben, die sie mit sehr kleinen Löchern versah und durch diese Löcher verband sie immer zwei Zypressenzapfen auf beiden Seiten miteinander. Die Form der Zypressenzapfen vollzogen die Wuchsform einer Zypresse, aufstrebend, dynamisch, dem Himmel entgegen gehend. Durch die Form des Dreiecks stellte Verena die Verbindung zwischen Materie und Geist her, zwischen Himmel und Erde. Das fand ich von der Aussage grundsätzlich spannend und aufregend. Dann setzte Verena aber noch farbige Akzente durch vereinzelte, langstielige Blüten des Sonnenhuts in die Gestaltung. Der dunkle Kern war fast nicht ersichtlich, die strahlenförmigen Blütenblätter jedoch sehr. Verena hatte sich ganz darauf verlassen diese Blüten so langstielig und mit einer dynamischen Bewegungsform zu finden und das war untypisch für sie. Sie brachte so noch etwas ganz spontanes in die ansonsten sehr statische Gestaltung hinein und genau das war so wohltuend. Diese Blüten waren die Bewegung der Sterne und des Mondes im Bild von van Gogh. Durch diese Bewegungen versöhnte Verena die organische Bewegung mit der Geometrie, was fast unmöglich ist. Ich für mich dachte, jetzt verbindet Verena ihre rationale Seite mit ihrer emotionaler Seite und das zu erleben, war unglaublich schön.
Verena hatte noch einen zusätzlichen Effekt durch farbiges Licht gesetzt. Sie wusste, dass wenn man das Licht richtig einsetzt, die Kanten und die durchbohrten Punkte der Plexiglasplatten diese Farbe annehmen würden. Genau richtig verwendete Verena die Farbe blau dafür, interessanter Weise die rationalste Farbe, die Farbe des Geistes, des Verstandes, aber auch des Himmels. Als ich miterlebte, als Verena das blaue Licht einschaltete hatte ich auf der Stelle eine ganz eigene Empfindung dabei. Es wurde also sofort mein Gefühl und nicht mein Verstand angesprochen. Ich hatte das Gefühl von Weihnachten und zwar das Gefühl der Verkündigung der Engel an die Hirten. Ich empfand für mich eine Verbindung des Himmels und der Erde. Ich spürte die Gestaltung als ein Ereignis des Himmels, das sich der Erde mitteilt. Damit war ich wahrscheinlich weit von dem entfernt, was Verena vermitteln wollte, aber es war für mich so. Das Licht stellte aber auf jeden Fall eine Verbindung zwischen zweit Welten her.
Nun habe ich über das Wesen von Verena schon sehr viel mitgeteilt. Sie ist eine extrem fröhliche Frau, sie liebt es zu organisieren und auch zu delegieren. Sie mag Ordnung um sich herum, vor dem Chaos hat sie Berührungsängste. Sie hat aber auch etwas kindliches an sich, nicht kindisch, das ist etwas ganz anderes. Sie liebt das Gestalten mit Blumen und Pflanzen und in der Auseinandersetzung damit hat sie herausgefunden, dass nicht immer alles nach ihrem Willen geschehen kann und darf, sondern dass diese Floralien höchst individuell sind und das auch ausdrücken. Verena mag strahlende Farben, das ist ganz ihr Ding, die sanfte Töne beherrscht sie jedoch auch. Handwerklich tüftelt sie gerne an der für sie besten Lösung. In der Gestaltung ist sie vielfältig, klare Aussage sind ihrem Wesen dabei jedoch entsprechender, als lyrische oder opulente Gestaltungen. Verena ist komplex, obwohl sie das nicht immer gerne zeigt. Sie ist noch dazu ein kritischer Zeitgeist und sie argumentiert dabei sehr geschickt und bringt die Sache oft auf den Punkt. Verena hat ihr meisterliches Können gezeigt und darauf darf sie sehr stolz sein.
Franz-Josef