11/09/2025
Robert Musil
Pension Nimmermehr
Es gab einmal eine deutsche Pension in Rom. (Obwohl es außer ihr noch viele andere gegeben hat.) Deutsche Pension, das war damals ein bestimmter Begriff in Italien, der sehr verschiedene Sonderwesen umschloß. Mit Entsetzen denke ich noch heute an eine andere zurück, wo ich einmal gewohnt habe; alles war dort zum Weinen einwandfrei. Aber in der Pension, von der ich hier spreche, war es nicht so. Als ich ins Büro eintrat und zum erstenmal nach dem Herrn des Hauses fragte, antwortete mir seine Mutter: »Oh, der kann jetzt nit komme; der ischt grad über seine Hühnerauge!« Ich will ihn Herrn Nimmermehr nennen. Seine Mutter, Frau Nimmermehr also, war eine von einem gewaltigen Mieder umspannte Matrone, deren Fleisch mit den Jahren ein wenig zurückgegangen war, so daß ihr Korsett rings um sie einen unregelmäßigen Rand in die Luft zeichnete, der von einer Bluse überspannt wurde; irgendwie erinnerte das an einen umgekippten, verloren gegebenen Regenschirm, wie man solche zuweilen an verlassenen Orten findet. Ihr Haar wurde zwischen Ostern und Oktober, das heißt außerhalb der Reisezeit, soweit ich das beobachten konnte, nicht frisiert; während der Saison schien es weiß zu sein. Eine andere ihrer Eigentümlichkeiten bildete es, daß ihr Rock einen ungewöhnlich langen Schlitz besaß, der in der heißen Zeit immer von oben bis unten offen stand. Vielleicht war das kühler; vielleicht war es aber eine Besonderheit des Hauses. Denn auch Laura, das Stubenmädchen, das bei Tisch bediente, legte zu diesem Zweck zwar eine saubere Bluse an, die hinten zu schließen war, aber während der Zeit, die ich in Rom verbrachte, wurden von allen Haken immer nur die zwei untersten benützt, so daß darüber das Hemd und weiterhin Lauras schöner Rücken zu sehen war wie in einem Kelch. Trotzdem waren es vorzügliche Wirte, die Nimmermehr's; ihre altmodisch luxuriösen Zimmer wurden gut gehalten, und was sie kochten, hatte Grazie. Während des Speisens stand Herr Nimmermehr persönlich als Maître d'hôtel neben der Anrichte und leitete die Bedienung, obgleich diese nur aus Laura bestand. Vorwurfsvoll hörte ich ihn einmal zu ihr sagen: »Herr Meier hat sich selbst einen Löffel und das Salz geholt!« – Laura tuschelte erschrocken: »Hat er etwas gesagt?« – Und Herr Nimmermehr legte die Würde eines königlichen Speisenchefs in die leise Zurückweisung: »Herr Meier sagt nie etwas!« – Zu solcher Höhe des Berufs konnte er sich erheben. Er war, soweit ich mich an ihn erinnere, groß, mager und kahl, hatte einen wässerigen Blick und stachlige Bartfäden, die sich langsam auf und nieder bewegten, wenn er sich mit der Schüssel zu einem Gast neigte, um diesen mit besonnenen Worten auf etwas besonders Schmackhaftes aufmerksam zu machen. Sie hatten einfach ihre Eigenheiten, die Nimmermehr's.
Und ich habe mir alle diese Kleinigkeiten aufgeschrieben, weil ich schon damals das Gefühl hatte: es kehrt nicht wieder. Ich will damit beileibe nicht behaupten, daß es besonders selten und kostbar gewesen sei; es hatte nur etwas Besonderes mit Gleichzeitigkeit zu tun, das sich schwer beschreiben läßt. Wenn zwanzig Uhren an einer Wand hängen, und man blickt sie plötzlich an, so hat jedes Pendel eine andere Lage; sie alle sind gleichzeitig und nicht, und die wirkliche Zeit rinnt irgendwo zwischen ihnen durch. Das kann unheimlich wirken. Alle, die wir damals in der Pension Nimmermehr wohnten, hatten dazu unsere besonderen Gründe; wir hatten alle irgendetwas außer der Zeit in Rom zu tun, und da man in der Sommerhitze täglich nur ein kleines Maß davon ausführen konnte, so kamen wir immer wieder in unserem Heim zusammen. Da war zum Beispiel der kleine alte Schweizer Herr, er war da, um die Angelegenheit einer nicht viel größeren protestantischen Sekte zu betreiben, die durchaus gerade im papistischen Rom ein evangelisches Gotteshaus erbauen wollte. Er trug trotz der brennenden Sonne immer einen schwarzen Anzug, und am zweiten Westenknopf von oben war die Uhrkette befestigt, an der, nur wenig tiefer, ein schwarzes Medaillon hing, in das ein goldenes Kreuz eingelassen war. Sein Bart saß richtig links und rechts von ihm; so dünn sproß er aus dem Kinn, daß man seiner erst in einiger Entfernung davon gewahr wurde. Und gegen die Backen zu verlor sich dieser Bart ganz, wie auch die Oberlippe von Natur bartlos war. Die Kopfhaare dieses alten Herrn waren blondgrau und unheimlich weich; und seine Gesichtsfarbe hätte wohl rosig sein können, aber da sie weiß war, war sie gleich so weiß wie frisch gefallener Schnee, in dem eine goldene Brille liegt. Dieser alte Herr sagte einmal, als wir uns alle im Salon unterhielten, zu Mme. Gervais: »Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Es fehlt Ihnen ein König in Frankreich!«
– Ich wunderte mich und wollte Mme. Gervais zu Hilfe kommen: »Aber Sie sind doch Schweizer und selbst Republikaner!?« – warf ich ein. Doch da wuchs der kleine Mann über seine goldene Brillenränder hinaus und erwiderte uns: »Oh, das ist eine andere Sache! Wir sind es seit sechshundert Jahren, und nicht seit fünfundvierzig!« So der Schweizer, der in Rom eine protestantische Kirche baute.
Madame Gervais, mit ihrem lieblichen Lächeln, erwiderte ihm: »Wenn die Diplomaten und die Zeitungen nicht wären, hätten wir den ewigen Frieden.« – »Excellent, vraiment excellent!« – stimmte ihr der alte Herr, wieder besänftigt, zu und nickte mit einem Kichern, das so fein und unnatürlich klang, als hätte er eine junge Ziege im Hals; er mußte ein Bein vom Boden heben, um sich in seinem Fauteuil zu Mme. Gervais zurückwenden zu können.
So kluge Antworten gab aber auch nur Frau Gervais. Das Profil ihres zarten Tituskopfes, auf dem schlanken Hals, mit einem köstlichen Ohr geschmückt, hob sich im Speisesaal von dem Fenster ab, vor dem sie saß, als ich sie zum erstenmal sah, wie ein geschnittener rosa Stein von himmelblauem Samt. Mit vollkommenen Händen, die Arme mit Messer und Gabel sorgsam an sich gezogen, rasierte sie einem Pfirsich, den sie aufgespießt hatte, die Haut vom Leibe. Ihre Lieblingsworte waren: Ignoble, mal élevé, grand luxe und très maniaque. Auch digestion und digestif sagte sie oft. Mme. Gervais konnte erzählen, wie sie, die Katholikin, einmal in Paris in einer protestantischen Kirche war. Am Geburtstag des Empereur. »Und ich versichere Sie,« – fügte sie hinzu – »es war viel würdiger als bei uns. Viel einfacher. Keine so unvornehme Komödie!« – So war Mme. Gervais.
Sie schwärmte für eine deutsch-französische Verständigung, weil ihr Gatte Hotelier war. Umfassender gesagt, er stand in der Hotelkarriere: man muß alles durchmachen, Speisesaal, Bar, Zimmerdienst, Büro. »Wie ein Ingenieur am Schraubstock arbeiten muß!« – erläuterte sie es. Sie war aufgeklärt. Sie empörte sich bei der Erinnerung daran, wie ein Negerprinz, ein vollendeter Gentleman, in einem Pariser Hotel von Amerikanern boykottiert worden sei. – »So machte er bloß, so!« – zeigte sie und brachte ein entzückend verächtliches Rümpfen der Lippe hervor. Die klassischen, vornehmen Ideale der Humanität, Internationalität und Menschenwürde bildeten in ihr mit der Hotellaufbahn eine vollendete Einheit. Allerdings flocht sie auch gerne ein, daß sie als Mädchen mit ihren Eltern Automobilreisen gemacht habe, daß sie mit dem oder jenem Attaché oder Legationssekretär da und dort gewesen seien, oder daß schon ihre Bekannte die Marquise Soundso das und jenes gesagt habe. Aber sie führte es nicht weniger vornehm aus, wenn sie aus der Hotellaufbahn erzählte, daß ein Freund ihres Mannes in einem Haus mit Trinkgeldverbot achthundert Mark im Monat an Trinkgeldern eingenommen habe, während ihr Mann in einem Haus ohne Verbot nur sechshundert Mark verdiente. Sie hatte immer frische Blumen an sich und reiste mit einem Dutzend kleiner Deckchen, mit deren Hilfe sie aus jedem Pensionszimmer eine kleine Heimat machte. Dort empfing sie ihren Gatten, wenn er dienstfrei war, und mit Laura hatte sie ein Abkommen getroffen, daß ihr diese gleich die Strümpfe wasche, wenn sie sie auszog. Sie war eigentlich eine tapfere Frau. Ich bemerkte einmal, daß ihr kleiner Mund auch fleischig wirken könne, obgleich die ganze Gestalt wie ein etwas überlanger, äußerst zarter Engel war; auch die Backen hoben sich, wenn man genau zusah, beim Lachen viel zu hoch über die Nase; aber merkwürdigerweise, obgleich ich sie nun weniger schön fand, sprachen wir seither ernster miteinander. Sie erzählte mir von der Trauer ihrer Kindheit, von früheren, langen Krankheiten und von den Qualen, die ihr die Launen eines an Paralyse erkrankten Stiefvaters bereitet hätten. Einmal vertraute sie mir sogar an, daß sie deshalb ihren Mann geheiratet habe, ohne ihn zu lieben. Bloß weil es Zeit war, sich zu versorgen, sagte sie. »Sans enthousiasme; vraiment sans enthousiasme!« – Aber das vertraute sie mir erst einen Tag vor meiner Abreise an: Sie wußte eben immer das Passende zu sagen und sprach den Zuhörern aus der Seele.
Gerne möchte ich etwas Ähnliches auch von der Dame aus Wiesbaden berichten, die gleichfalls zu unserem Haus gehörte; aber ich habe leider viel von ihr vergessen, und das wenige, was mir geblieben ist, läßt schließen, daß sich das übrige nicht recht dieser Absicht fügen dürfte. Ich weiß nur noch, daß sie immer einen der Länge nach gestreiften Rock trug, so daß sie aussah wie ein großes Holzgatter, auf dem oben eine ungeplättete weiße Bluse hing. Wenn sie sprach, widersprach sie, und ungefähr geschah das meistens in der folgenden Weise: Jemand sagte zum Beispiel, daß Ottavina schön sei. »Ja,« – ergänzte sie sogleich – »ein edler römischer Typus«. Dabei blickte sie einen so besiegelnd an, daß man sie um der Sicherheit des Weltlaufs willen berichtigen mußte, ob man wollte oder nicht; denn Ottavina, das Stubenmädchen, war aus Toskana. »Ja« – erwiederte sie – »aus Toskana. Aber ein römischer Typus! Alle Römerinnen haben Nasen, die an der Stirn gerade ansetzen!« Nun war Ottavina aber nicht nur aus Toskana, sondern sie hatte auch keine Nase, die an der Stirne gerade ansetzte; doch die Dame aus Wiesbaden besaß einen so lebhaften Geist, daß ihr immer ein fertiges Urteil aus dem Kopf sprang, bloß weil ihre anderen fertigen Urteile es daraus verdrängten. Ich fürchte, sie war eine unglückliche Frau. Und vielleicht war sie nicht einmal Frau, sondern Mädchen. Sie war im Schiff um Afrika gefahren und wollte nach Japan. Sie erzählte in diesem Zusammenhang von einer Freundin, die sieben Glas Bier tränke und vierzig Zi******en rauchte, und nannte sie einen ganz famosen Kameraden. Ihr Gesicht sah, wenn sie so sprach, wie ein furchtbar lasterhaftes Gesicht aus, mit zuviel Haut und schiefen Schlitzen für Mund, Nase und Augen; man dachte zumindest, daß sie O***m rauchen werde: aber sobald sie sich nicht beobachtet fühlte, hatte sie ein ganz braves Gesicht, das in dem anderen darin stak wie der kleine Däumling in den Siebenmeilenstiefeln. Ihr höchstes Ideal war die Löwenjagd, und sie fragte uns alle, ob wir glaubten, daß sehr viel Kraft dazugehöre? Mut – meint sie – Mut besäße sie genügend, aber ob sie wohl auch den Strapazen gewachsen wäre? Ihr Neffe rede ihr zu, weil er gerne mitgenommen werden möchte; aber für solch einen zweiundzwanzigjährigen Lausbuben sei das doch noch etwas anderes, nicht? Die gute weltumsegelnde Tante! Ich bin überzeugt, daß sie ihrem Neffen unter der Sonne Afrikas einen kleinen forschen Klaps auf die Schulter geben wird und daß sich die Löwen davonschleichen werden, so wie Mme. Gervais und ich es taten, wenn wir konnten.
Ich flüchtete mich dann zuweilen sogar zu Frau Nimmermehr ins Büro oder schlich auf den Gang und spähte, ob ich Ottavina sähe. Ich hätte auch einen Blick auf Gottes Sterne werfen können, aber Ottavina war schöner. Sie war das zweite Stubenmädchen, eine neunzehnjährige Bäuerin, die daheim einen Mann und einen kleinen Knaben besaß; sie war die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Sage niemand, es gebe viel verschiedene Schönheit, Schönheit in vielerlei Art und Grad: das weiß man. Aber die Art von Ottavinas Schönheit hätte mir gestohlen werden können; es war Raffaels Art, gegen die ich sogar eine Abneigung habe: Was trotz dieser Schönheit das Auge bezwang, war Ottavinas Schönheit! Zum Glück darf man sagen, daß sich so etwas dem, der es nicht gesehen hat, nicht beschreiben läßt. Wie abstoßend wirken die Worte Harmonie, Gleichmaß, Vollkommenheit, Edel! Wir haben sie gemästet, sie stehen wie dicke Frauen auf winzigen Füßen da und können sich nicht rühren. Wenn man aber einmal wirkliche Harmonie und Vollkommenheit sieht, so ist man erstaunt darüber, wie natürlich sie ist. Sie kommt zu ebener Erde herbei. Sie fließt wie ein Bach, gar nicht regelmäßig, mit der unbekümmerten Selbstherrlichkeit der Natur, ohne Anstrengungen zur Großartigkeit oder Vollendung. Wenn ich von Ottavina sage, sie war groß, kräftig, adelig, vornehm, so habe ich das Gefühl, diese Worte seien von anderen Menschen genommen. Ich empfinde sogleich das Bedürfnis, etwas hinzu zu fügen. Sie war groß, aber ohne Verlust an Lieblichkeit. Kräftig, aber nirgends gesetzt. Adelig ohne Verlust an Ursprünglichkeit. Eine Göttin und das zweite Stubenmädchen. Ich vermochte mit der neunzehnjährigen Ottavina nicht zu sprechen, weil sie mein gebrochenes Italienisch für unpassend fand und auf alles, was ich sagte, nur mit einem sehr höflichen Ja oder Nein erwiderte; aber ich glaube, ich betete sie an. Ich weiß natürlich auch das nicht sicher, weil alles bei Ottavina etwas anderes bedeutete. Ich begehrte sie nicht, ich litt keinen Mangel, ich schwärmte nicht; im Gegenteil; sooft ich sie sah, suchte ich mich so unauffällig zu benehmen wie ein Sterblicher, der in die Gesellschaft von Göttern geraten ist. Sie konnte lächeln, ohne daß eine Falte in ihrem Gesicht entstand. Ich vermochte sie mir in den Armen eines Mannes nicht anders zu denken als mit diesem Lächeln und einem sanften Erröten, das sich wie eine Wolke über sie ausbreitete, hinter der sie dem Zugriff der Begierden entschwand.
Immerhin hatte Ottavina einen ehelichen Knaben, und ich verzog mich oft, ohne auf sie zu warten, zur alten Frau Nimmermehr ins Büro, um im Gespräch mit dieser das Auskommen mit der Wirklichkeit wiederzufinden. Sie ließ, wenn sie durchs Zimmer ging, die Arme mit den Handrücken nach vorn hängen, hatte den breiten Buckel und Bauch einer Matrone und beschönigte das Leben nicht mehr. Wenn man sie, vom Forschungstrieb geplagt, fragte, ob ihre große schwarze Katze Michette denn eigentlich ein Kater oder ein Weib sei, sah sie einen nachdenklich an und meinte philosophisch: »Oh je, das kanma gar nicht sage; die is ein Kaschtrath!« – In jüngeren Jahren hatte Frau Nimmermehr's Herz einen einheimischen Freund besessen, Sor Carlo, und wo immer man sich in Frau Nimmermehr's Bereich bewegte, konnte man am Ende einer Perspektive von Türrahmen Sor Carlo sitzen sehen. Zwischen Ostern und Oktober, versteht es sich; denn er war ein Wrack, und selbst jetzt, außer der Saison, war sein Dasein das eines allen Mitbewohnern zwar bekannten, aber öffentlich nicht zugegebenen Gespenstes. Er saß immer an irgendeiner Wand, reglos, in einem schmutzigen hellen Anzug, die Beine wie Säulen gleich dick von oben bis unten, das edle Gesicht mit dem schwarz gefärbten Cavour-Bart von Fett und Leiden entstellt. Nur wenn ich nachts nach Haus kam, sah ich ihn in Bewegung. Wenn alle Augen, die ihn beaufsichtigten, schliefen, schleppte er sich stöhnend durch die Gänge, von Bank zu Bank, und kämpfte mit Atemkrämpfen. Da lebte er sich aus. Ich versäumte nie, ihn zu grüßen, und er dankte mir mit Würde. Ich weiß nicht, ob er für das Gnadenbrot dankbar war, das ihm Frau Nimmermehr gab, oder ob er gegen ihren Undank protestierte und aus gekränkter Würde tagsüber mit offenen Augen zu schlafen schien. Es verriet auch nichts, wie Frau Nimmermehr für ihren alten Sor Carlo empfand. Man darf wahrscheinlich annehmen, daß sie die schöne Ausgeglichenheit des Alters schon längst der Wichtigkeit überhoben hatte, die ein jüngerer Mensch solchen Dingen beimißt. Wenigstens traf ich sie einmal in ihrem Büro mit Sor Carlo an: Sor Carlo saß an der Wand und hatte seinen schlafenden Blick durch die gegenüber befindliche Wand ins Unendliche gerichtet, und Frau Nimmermehr saß am Tisch und hatte ihren Blick durch die offene Tür ins Dunkle gerichtet. Diese beiden Blicke gingen, von ungefähr einem Meter Raum getrennt, parallel aneinander vorbei, und unter diesem Blickstreifen saß neben dem Tischbein Michette, die Katze, mit den beiden Hunden des Hauses. Der blonde Spitz Maik, mit dem zarten, ausfallenden Haar, und der beginnenden Altersdarre im Rücken, versuchte an Michette etwas, das Hunde sonst nur an Hunden tun, und der dicke rotblonde Spitz Ali kaute indessen gutmütig an ihrem Ohr; niemand verwehrte es, Michette nicht, und die beiden alten Menschen nicht.
Wer dem bestimmt gewehrt hätte, wäre Miß Frazer gewesen; aber es ist anzunehmen, daß sich Maik in ihrer Gegenwart so etwas gar nicht erlaubt hätte. Miß Frazer saß jeden Abend in unserem Salon auf der Kante eines Fauteuils; den Oberkörper hatte sie brettgerade zurückgelehnt, so daß er die Stuhllehne nur am obersten Rand berührte, und die Beine ungebogen so von sich gestreckt, daß sie die Erde nur mit den Hacken berührten; in dieser Stellung häkelte sie. Wenn sie damit fertig war, setzte sie sich an den ovalen Tisch, mitten in unsere Gespräche hinein, und schrieb ihre tägliche Lektion. Wenn diese beendet war, legte Miß Frazer mit schnellen Fingern zwei Patiencen. Und wenn die Patiencen aufgegangen waren, sagte sie Good Night und verschwand. Dann war es zehn Uhr. Eine Abweichung davon gab es nur, wenn einer von uns in dem tropisch glühenden Salon ein Fenster öffnete; dann stand Miß Frazer auf und schloß es wieder. Wahrscheinlich vertrug sie den Luftzug nicht. Wir erfuhren ebenso wenig den Grund, wie wir den Inhalt ihrer täglichen Lektion kannten oder den Gegenstand ihrer Handarbeit. Miß Frazer war ein altes englisches Fräulein; ihr Profil war ritterlich und scharf wie das eines Edelmannes, ihr Anblick von vorn dagegen rund und rot wie der eines Apfels, mit einer liebenswürdigen Beimischung von Mädchenhaftigkeit unter ihren weißen Haaren. Ob sie auch liebenswürdig gesinnt war, wußte niemand. Außer den unvermeidlichen Höflichkeiten wechselte sie mit uns kein Wort. Vielleicht verachtete sie unser Nichtstun, unsere Geschwätzigkeit und unsere Unmoral. Nicht einmal den Schweizer, der schon seit sechshundert Jahren Republikaner war, würdigte sie einer Vertraulichkeit. Sie wußte alles von uns, weil sie immer in der Mitte saß, und war der einzige Mensch, von dem wir nicht wußten, warum er da war. Alles in allem, mit ihrer Häkelarbeit, ihrer Lektion und dem Lächeln eines roten Apfels, wäre sie sogar imstande gewesen, nur zum Vergnügen da zu sein und unsere Gesellschaft zu teilen.
Bild:
Hotel Aventino
Testaccio, Rom