Im Jahre 1795 hat Wilhelm von Humboldt, der 1810 die (heutige Humboldt-) Universität zu Berlin gründete, die wissenschaftliche Erforschung menschlicher Geschlechtlichkeit als Basis für die Erforschung des Menschen gefordert. Er meinte damit vor allem die Untersuchung des Zusammenspiels von körperlichen und seelischen Faktoren, welche die Geschlechtlichkeit fundieren und schuf damit die Vorarbeiten
für die Begründung des Faches "Sexualwissenschaft" im Jahre 1906 durch den Berliner Dermatologen Iwan Bloch.
1919 gründete der Allgemeinarzt Magnus Hirschfeld in Berlin das weltweit erste "Institut für Sexualwissenschaft", in dem das Fach in seiner vollen praktischen und theoretischen Breite mit Klinik, Lehre und Forschung abgedeckt wurde. In der Satzung der nach ihm benannten Stiftung verfügte Magnus Hirschfeld für den Fall der Schließung des Instituts die Verwendung seines gesamten Stiftungsvermögens zur Etablierung eines Instituts für Sexualwissenschaft an der damaligen Berliner Universität, deren Rechtsnachfolgerin die heutige Humboldt-Universität zu Berlin ist (Bisher hat dieses Vermögen seinen Bestimmungszweck aber noch nicht erreicht). Unabhängig davon wurde im Jahre 1996 diese Berliner Wissenschaftstradition, die sich mittlerweile zu einem international anerkannten Fach entwickelt hatte, mit dem heutigen "Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin" am Universitätsklinikum Charité in Berlin erstmals universitär etabliert. Am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité (Direktor: Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier) wird Studierenden verschiedener Fakultäten der Freien und der Humboldt-Universität zu Berlin (Medizin, Psychologie, Biologie, Geistes-, Sozial-, Kultur- und Rechtswissenschaften sowie der Geschlechterstudien und des Studium Generale) ein bio-psycho-soziales Verständnis menschlicher Geschlechtlichkeit vermittelt und zur interdisziplinären Zusammenarbeit angeregt. Für Medizinstudenten/innen werden darüber hinaus Grundlagen der Erkennung und Behandlung sexueller Störungen gelehrt. Diese spielen in der Medizin eine zunehmend bedeutsame Rolle und umfassen
1. sexuelle Funktionsstörungen inklusive Sexualstörungen aufgrund von Erkrankungen und / oder deren Behandlung,
2. Geschlechtsidentitäts-Störungen (inklusive Transsexualität) und
3. sexuelle Verhaltensabweichungen (einschließlich Sexualdelinquenz). Die sexualmedizinische Ambulanz des Instituts ist Anlaufstelle für Diagnostik und Therapie bei all diesen Störungsbildern. Ferner erfolgt am Institut in zweijährigen Kursen gemeinsam mit der Berliner Ärztekammer eine sexualmedizinische Qualifizierung für Ärzte verschiedener Fachgebiete (Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Gynäkologie, Urologie, Dermatologie, Psychiatrie sowie Psychotherapie) sowie für Klinische Psychologen bzw. Psychologische Psychotherapeuten. Gegenstand dieses Curriculums ist vor allem ein am Institut entwickeltes Behandlungsverfahren ("Syndyastische Sexualtherapie"), welches eine fokussierte Kurzzeit-Therapie sexueller Funktionsstörungen sowie partnerschaftlicher Kommunikationsstörungen ermöglicht und damit eine Verbesserung der partnerschaftlich-sexuellen Beziehungszufriedenheit von Paaren zum Ziel hat. Forschungsschwerpunkte des Instituts sind
- Studien zu Erscheinungsformen und Häufigkeiten von Sexualstörungen in der Allgemeinbevölkerung (Arbeitsbereich "Sexualmedizinische Epidemiologie"),
- die Auswirkungen chronischer Erkrankungen auf Sexualität und Partnerschaft (Arbeitsbereich "Klinische Sexualforschung"),
- die Evaluation sexualpädagogischer Lernprogramme und sexualmedizinischer Behandlungsverfahren (Arbeitsbereich "Interventions-Evaluation"),
- die Entwicklung von Dokumentations-, Datenerhebungs- und Forschungs-Instrumenten (Fragebögen) für die empirische und klinische Sexualforschung und sexualmedizinische Diagnostik (Arbeitsbereich "Fragebogen-Entwicklung") sowie
- sexuell abweichendes Verhalten (einschließlich Sexualdelinquenz). Die Sexualwissenschaft ist eines der Fachgebiete im "Centrum für Human- und Gesundheitswissenschaften" der Charité, einer gemeinsamen Einrichtung der Freien und der Humboldt-Universität zu Berlin, was sich in gemeinsamen Forschungs- und Lehraktivitäten mit den anderen Fächern niederschlägt.