18/05/2023
Heute vor 175 Jahren, am 18. Mai 1848, wurde die Frankfurter Nationalversammlung (sog. Paulskirchenversammlung) eröffnet, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats zu beraten. Die Ehre der Eröffnung gebührte Friedrich Lang (Politiker, 1778 – 1859) als Alterspräsidenten des Parlaments. Am folgenden Tag wurde mit Heinrich von Gagern zum ersten ordentlichen Parlamentspräsidenten gewählt. Von Gagern war – wie rund ein Viertel aller 809 Abgeordneten – seit Studienjahren überzeugter Burschenschafter (Urburschenschaft Jena, 1818) und arbeitete nun daran, die burschenschaftlichen Ideale und die Forderungen des Wartburgfests von 1817 in eine Verfassung für das zu jener Zeit in der Vormärz-Revolution befindliche Deutsche Reich zu integrieren.
Unter von Gagerns Ägide wurde die Arbeit des Parlaments in geordnete Bahnen gelenkt. Es bildeten sich Klubs (die Vorform parlamentarischer Fraktionen) welche sich nach der jeweiligen Gaststätte benannten, in der man sich traf und diskutierte. Die große Frage war, ob es die großdeutsche oder die kleindeutsche Lösung werden soll, bei der sich die Linke auf einmal mit katholischen und rechtsliberalen Süddeutschen auf großdeutscher Seite wiederfand.
Durch den Pakt Simon-Gagern, einer Vereinbarung zwischen von Gagern, der sich auf die rechtsliberale Casino-Fraktion stützte, und dem Mitglied im wichtigen Verfassungsausschuss Heinrich Simon (Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks), Vorsitzender der gemäßigt linken Westendhall-Fraktion, gelang die gemeinsame Schaffung der Frankfurter Reichsverfassung. Die erste demokratische und gesamtdeutsche Verfassung stammt damit maßgeblich aus der Feder zweier Burschenschafter. Der letzte Parlamentspräsident vor dessen Räumung durch preußische Truppen im Mai 1849, Theodor Reh, war ebenfalls Burschenschafter (Gießener Allgemeinen Burschenschaft Germania, Alte Heidelberger Burschenschaft).
Die Frankfurter Reichsverfassung trat nie in Kraft - sie war vielen Regierungen in Deutschland zu liberal. An ihr haben sich dennoch alle späteren Deutschen Verfassungen orientiert.
Kommentar zur abgebildeten Karikatur: Kritik an der Revolution kam vor allem von der linken, republikanischen Seite. Dargestellt wird die Unfähigkeit, sich von Joch der Kleinstaaterei und des alten Systems zu lösen (Waagschale links), wie die Notwendigkeit, durch militärische Mittel den Umschwung durchzusetzen (Waagschale rechts).