02/04/2026
➡️Innerhalb von neun Tagen im März (17. bis 25.03.2026) war das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften an der Organisation von fünf Veranstaltungen im Zentrum in Pankow und der Stadtmitte von Berlin beteiligt, an denen insgesamt über 200 Personen teilgenommen haben. Für unser kleines Team war die Zeit sehr herausfordernd und gleichzeitig aufbauend. Heute und nach Ostern werden wir mit Ihnen und Euch unsere Eindrücke an die sehr unterschiedlichen Veranstaltungen teilen.
➡️Anfangen möchten wir mit der Auftaktveranstaltung unseres diesjährigen Klaus Zernack Colloquiums, das sich der Interdisziplinarität widmet. Wie 2025 [1] fand die Auftaktveranstaltung am 17.03.2026 im Auditorium der Topographie des Terrors statt. Das Thema des gut besuchten Veranstaltung lautete: „Leben mit den Toten. Verstreute Tatorte des Holocaust lesen“.
🗣️„Menschen müssen wissen, wo menschliche Überreste liegen […] das ist eine anthropologische und ethische Grundfrage.” Prof. Magdalena Saryusz‑Wolska (DHI Warschau - NIH Warszawa)
🗣️„Der Boden selbst ist ein Medium der Erinnerung, aber wir müssen sensibel und respektvoll damit umgehen, ohne die Würde der Opfer zu verletzen.” Prof. Felix Ackermann (FernUniversität in Hagen)
❓Wie lässt sich über Orte sprechen, die keine sichtbaren Spuren tragen und doch von Geschichte durchdrungen sind? Orte, an denen Gewalt stattgefunden hat, ohne dass sie heute eindeutig markiert oder erinnert werden können?
➡️ Die Veranstaltung „Leben mit den Toten. Verstreute Tatorte des Holocaust lesen“ [2] hat genau diese Fragen ins Zentrum gerückt und damit einen Perspektivwechsel eröffnet hin zu einer vielfach unsichtbaren, räumlich verstreuten Geschichte des Holocaust.
Magdalena Saryusz-Wolska präsentierte ein interdisziplinäres Projekt zur Kartierung von Massengräbern des Holocaust im ehemaligen Generalgouvernement, welches erst einen Tag zuvor online ging. Deutlich wurde, wie viele dieser Orte bis heute kaum erforscht, schwer lokalisierbar oder gar unbekannt sind und welche Herausforderungen es mit sich bringt, Geschichte in Daten, Karten und konkrete Räume zu übersetzen.[3]
Gleichzeitig wurde ersichtlich, dass Erinnerung keine rein historische Aufgabe ist. Sie ist eine gesellschaftliche, ethische und oft zutiefst persönliche Praxis. Vielerorts sind es lokale Initiativen, Einzelpersonen und zivilgesellschaftliche Akteur:innen, die Verantwortung übernehmen, insbesondere dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen.
Wie solche Orte einer bestimmten Zielgruppe zugänglich gemacht werden können, zeigte Felix Ackermann am Beispiel eines Audiowalk-Projekts. Seine Studierenden haben dieses gemeinsam mit ihm für das ehemalige litauische Shtetl in Jonava erstellt, um es Angehörigen der in der dort stationierten Bundeswehrsoldaten nahezubringen.[3]
Die Diskussion im Anschluss hat gezeigt, wie stark unsere Wahrnehmung des Holocaust noch immer von wenigen zentralen Orten geprägt ist und wie wichtig es ist, den Blick auch auf die „verstreuten“ Tatorte, die unscheinbaren Landschaften und das, was nicht sofort sichtbar ist, zu richten.
Ein Abend, der nicht nur Wissen vermittelt hat, sondern auch Fragen hinterlässt und dazu einlädt, genauer hinzusehen.
Unser besonderer Dank gilt allen Mitwirkenden, dem Publikum für die engagierten Fragen sowie der Stiftung Topographie des Terrors für ihre großzügige Gastfreundschaft und die zuvorkommende wie konstruktive Zusammenarbeit.
Schließlich möchten wir uns bei unserer ehemaligen Praktikantin Wiktoria Janecko herzlich bedanken. Sie hat uns in den letzten drei Monaten sehr engagiert und tatkräftig unterstützt. Eines Ihrer letzten Aufgaben war die Erstellung dieses Posts.
Wielkie dzięki Wiktorio!!!
[1] https://cbh.pan.pl/pl/so-viel-anfang-war-nie
[2] https://cbh.pan.pl/de/klaus-zernack-colloqiuium-2026-1
[2] https://www.youtube.com/watch?v=2QxzzzVXR7A
[3] https://www.rukla-jonava.org
Fot. Jürgen Kramer & Jakub K. Sawicki