05/07/2016
Hallo zusammne,
die Fachschaft des Instituts für Sozialwissenschaften hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie Ergebnisse einer Studie sowie deren massenmediale Kommunikation durch den leitenden Professor kritisieren. Das Thema ist aktuell und heikel: Es geht um "Anschauungen" die (deutsche) Muslime hätten und wie man sie integrieren könne...
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Hier die Stellungnahme:
Stellungnahme der Studierenden des Instituts für Sozialwissenschaften zur Arbeit Ruud Koopmans
Ruud Koopmans ist assoziierter S-Professor am Institut für
Sozialwissenschaften und Direktor der Abteilung „Migration, Integration und Transnationalisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin. Koopmans ist in letzter Zeit sehr präsent in den Medien, sei es in zahlreichen Zeitungsartikeln (bspw. FAZ und NZZ) oder in politischen Talkshows (bspw. Anne Will) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Wir möchten hiermit klar und deutlich zum Ausdruck bringen, dass Ruud Koopmans wissenschaftlich höchst fragwürdige Ergebnisse publiziert. Gleichzeitig nutzt er ebenjene Ergebnisse für normativ zweifelhafte Handlungsempfehlungen und um Stimmung gegen Personen muslimischen Glaubens in Deutschland zu machen.
Herr Koopmans vertritt auf verschiedenen Ebenen eine unwissenschaftliche und reißerische Darstellung seiner Ergebnisse bezüglich Muslim*innen in Deutschland und in Europa. Koopmans wird nicht müde, die These zu verbreiten, dass knappe 50% der deutschen Muslim*innen eine
fundamentalistische Weltsicht besäßen (1) und in auffallend hohem Maße im Vergleich zu anderen Gruppen Ablehnung demokratischer Grundwerte, Antisemitismus und Ablehnung von Homosexualität verträten. Um zunächst hierauf zu antworten: unabhängig von seinen streitbaren Definitionskriterien für die Verwendung des Begriffs Fundamentalismus sind seine Ergebnisse nicht ansatzweise repräsentativ. Seine Resultate beziehen sich ausschließlich auf marokkanische und türkische Muslim*innen, die selbst, deren Großeltern oder Eltern vor 1975 eingewandert sind und die zu einem großen Anteil aus stark ländlich-konservativ geprägten Regionen im jeweiligen Herkunftsland stammen (2). Verallgemeinerbare Aussagen über
alle Personen muslimischen Glaubens in Europa lassen sich somit nicht treffen. Gute Wissenschaft sieht anders aus.
Auch äußert er sich in neueren Studienergebnissen zur Integration von Muslim*innen am Arbeitsmarkt. Die Ergebnisse – vergleichsweise hohe Beschäftigungslosigkeit und gering entlohnte Arbeit - führt er auf eine Selbstdiskriminierung durch fehlenden Willen zur sozialen und kulturellen Integration zurück (3). Integration setzt er dabei mit dem Konzept der
Assimilation gleich, welches erstens in Wissenschaft (4) und Gesellschaft höchst umstritten ist und zweitens in seinen Medienauftritten stark verkürzt wiedergegeben wird. Koopmans wird in jüngerer Zeit nicht müde zu betonen, dass die kulturelle Assimilation von Migrant*innen der Schlüssel zu einer verbesserten Integration sei. Wenn Koopmans von kultureller
Assimilation spricht, impliziert dies stets die Zustimmung zu von den entsprechenden Forscher*innengruppen als „deutsch“ definierten Werten, Praktiken und Normen sowie einer Selbstidentifikation mit dem „Deutschsein“ an sich. In unseren Augen ist diese Herangehensweise naiv und gefährlich. Sie lehnt sich konzeptionell nicht nur an einen nationalistischen Gedanken und an die Vorstellung einer homogenen Leitkultur an, sondern verkennt die gesellschaftliche Realität pluralistischer und höchst ausdifferenzierter Identitäten in Deutschland lebender Personen. Um es einmal klar auszudrücken: Wenn es nach Ihnen geht, Herr Koopmans, sind wir alle nicht ausreichend „integriert“ – und
das ist auch gut so.
Direkte Diskriminierungserfahrungen, die erst zu Selbstdiskriminierung führen können, werden hingegen ignoriert oder durch methodische Kontrolle von Selbsteinschätzungen zur Sprache, Selbsteinschätzungen zu sozialen Netzwerken oder Rollenvorstellungen legitimiert. Hieraus zu schlussfolgern, dass Diskriminierung viel weniger vorhanden sei als bisher
angenommen, stellt bei nachgewiesenen stark ansteigenden Vorurteilen und Übergriffen gegenüber muslimischen Personen in Deutschland (5) eine unsägliche Arroganz und Blindheit gegenüber der gesellschaftlichen Realität dar (6).
Wir distanzieren uns hiermit deutlich von Herrn Koopmans propagierter Wissenschaft und seinen medialen Schlussfolgerungen. Wir fordern alle Institutsmitglieder sowie die Medien dazu auf, sich kritisch mit seinen Aussagen zu befassen. Bei Rückfragen können Sie uns gerne unter fs-sowi'at'refrat.hu-berlin.de oder unter 0177 4536204 erreichen.
Berlin, den 04.07.2016
Die gewählten Mitglieder des Fachschaftsrates Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin