Das Graduiertenkolleg beschäftigt sich mit den medialen, insbesondere den audiovisuellen, textuellen und digitalen Formen sowie den medien- und literaturgeschichtlichen Zäsuren innerhalb der Geschichte des Dokumentarischen seit der Erfindung der Fotografie. Sein Forschungsprogramm lässt sich dabei von der These leiten, dass die spezifische Autorität des Dokumentarischen durch die Untersuchung der
Operationen beschreibbar wird, die im Rahmen unterschiedlicher Institutionen und Praktiken auf je spezifische Weise bild-, text- und tonmediale Elemente arrangieren, um so die Lesbarkeit, den Aussagewert, die Distributionslogiken und die Machtwirkungen des Dokumentierten zu steuern. Entgegen einer einflussreichen Theorietradition beschränkt das Forschungsprogramm seine Perspektive nicht auf den visuellen Modus des Dokumentarischen und privilegiert auch nicht ein bestimmtes (etwa filmisches) Medium. Bild, Text und Ton können in sehr unterschiedliche wechselseitige Beglaubigungsverhältnisse eintreten, um einen dokumentarischen Effekt zu produzieren. Verfahren und Stile des Dokumentarischen kommen vor allem auch dort zum Einsatz, wo sich Wissenschaften (häufig im Kontext ganz spezifischer institutioneller Anforderungen) mit der Produktion und Klassifikation ‚menschlicher Tatsachen‘ (Affekte, Verhaltensweisen, soziale Verbindungen) beschäftigen. Objektivität des Dokumentierten, nach der Funktion von Formularen und Protokollen bzw. Standards, die den dokumentarischen Bezug regulieren, sowie nach dem Verhältnis unterschiedlicher dokumentarischer Modi, den Techniken der Archivierung und des Zugangs zu den Dokumenten auf. Die Neubefragung und Rekonzeptualisierung des Dokumentarischen, die im Rahmen des Graduiertenkollegs geleistet werden soll, nimmt ihren Ausgang bei dem (nicht zuletzt auch methodischen) Paradox, das auf unterschiedlichen Ebenen des Forschungsprogramms und im Durchgang durch diverse mediale Konstellationen entfaltet werden soll: Der Intensität dokumentarischer Erfassung steht in theoretischer wie mediengeschichtlicher Hinsicht ein Reflexionswissen zur Seite, das die Formen und Programme dokumentarischer Erfassung seinerseits noch einmal zu beobachten erlaubt. Im Untersuchungszeitraum des Kollegs treffen immer wieder Figuren und Programmatiken des dokumentarischen Exzesses auf solche des dokumentarischen Entzugs. Diese Dialektik, so lautet eine der Grundannahmen des Forschungsprogramms, ist insgesamt für die Geschichte und Theorie des Dokumentarischen konstitutiv. So lassen sich spätestens seit der kulturellen Etablierung technischer Analogmedien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (und damit lange vor der Schwelle der gegenwärtigen digital basierten Erfassungs- und Kontrollregimes) wirkungsmächtige Utopien oder Dystopien des Dokumentarischen antreffen, die eine audiovisuelle Komplettverdatung der Wirklichkeit in Aussicht stellen. Umgekehrt lassen sich für die unterschiedlichen Medien der dokumentarischen Bezugnahme vielfältige Formen der Durchkreuzung und Zurücknahme dieses Exzesses beobachten: Der dokumentarische Exzess ist untrennbar von der Erfahrung eines Entzugs. Der Anspruch auf äußersten ‚Realismus‘ einer Darstellung wird von Momenten und Effekten einer unvermeidlichen oder gezielt herbeigeführten Derealisierung durchzogen. Das Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs widmet sich also den komplexen Prozessen, durch die bestimmten Medien bzw. Medienverbünden und den von ihnen generierten Texten, Bildern und Tönen dokumentarische Qualität zugeschrieben oder abgesprochen wird. Dabei wird ein besonderes Gewicht auf die Erforschung der spezifischen Übergänge zwischen dem Dokumentarischen und seinem jeweils Anderen (dem Fiktiven, Pseudodokumentarischen etc.) gelegt, wie sie vor allem auf den Feldern der literarischen Wissensproduktion und des hochdynamischen filmischen Dokumentierens greifbar werden. Die ubiquitäre Verfügbarkeit neuer, portabler Digitalmedien, die die aktuelle Konjunktur des Dokumentarischen auslösen, wird daraufhin befragt, wie sie die Praktiken der Selbstdokumentation verändert und neue ‚Affektkulturen‘ hervorbringt sowie die gewohnten Routinen der Zuschreibung dokumentarischer Autorschaft (auf dem Feld der Künste ebenso wie auf dem der massenmedialen Nachrichtensendungen und der Unterhaltungsformate) durchbricht. Die zeitgenössische digitale Eskalationsdynamik des Dokumentarischen soll schließlich auch auf ihre politische Durchschlagskraft untersucht werden, wobei das Spannungsverhältnis zwischen neuen mediengestützten Kontrollregimen und ‚gegen-dokumentarischen‘ Entwendungen oder Aneignungen der neuen dokumentarischen Dispositive im Mittelpunkt stehen wird.