03/07/2022
Nächsten Mittwoch findet der dritte Vortrag der Bonner Geographischen Gesellschaft im Rahmen der „… mittwochs im GIUB“ Reihe statt. Prof. Dr. Carolin Schurr von der Universität Bern wird einen Vortrag zum Thema „Zwischen Kinderwunsch und Bevölkerungspolitik: Eine Analyse „reproduktiver Geopolitik“ anhand globaler Kämpfe um körperliche Selbstbestimmung und reproduktive Rechte“ halten. Los geht’s wie immer um 18.15 Uhr als Präsenzveranstaltung im Alfred-Philippson-Hörsaal. Organisiert wird der Vortrag in Kooperation mit der AG Kulturgeographie als Teil der International Lecture Series Kulturgeographie.
Hier der Abstract zum Vortrag: Nur wenige Wochen nachdem Schweizer Frauen im Juni 2019 den größten Frauenstreik des Landes organisiert hatten, verlor eine Asylbewerberin ihr Baby, weil sie keinen Zugang zu Schwangerschaftsvorsorge hatte. In Mexiko demonstrierten Frauen für ihr verfassungsmäßiges Recht auf Abtreibung, während indigene und ländliche Frauen weiterhin gezwungen sind, Verhütungsmittel zu nehmen, um keine Sozialleistungen zu verlieren. All diese jüngsten Ereignisse sind Beispiele für das, was wir "reproduktive Geopolitik" nennen. Indem wir das reproduktive Leben mit der Geopolitik in Verbindung bringen, gehen wir davon aus, dass Reproduktionstechnologien in die Geopolitik verwickelt sind, wenn Individuen, Staaten, internationale Organisationen, transnationale Unternehmen sowie religiöse und nichtstaatliche Organisationen definieren, wessen Fortpflanzung als wünschenswert und wessen Körper als wertlos gilt. Der Zugang zu Reproduktionstechnologien sagt viel darüber aus, wessen Leben in einem bestimmten Territorium welcher Wert beigemessen wird. Während einige das "Ende der staatlichen Biopolitik" ausrufen und die "Geschichte der Bevölkerungskontrolle" als Vergangenheit betrachten, zeigt dieser Vortrag am Beispiel Mexikos die Brüche, Kontinuitäten und Verstrickungen zwischen der traditionellen staatlichen Biopolitik und neuen Formen reproduktiver Geopolitik auf. Während in Mexiko in der Vergangenheit die territoriale Verwaltung der Bevölkerung explizit als Bevölkerungspolitik bezeichnet wurde, findet die Steuerung der Reproduktion in der Gegenwart eher implizit durch Regime der Gesundheitsversorgung, der Migration und der Sexualpolitik statt. Die Politik dieser Regime steuert die Bevölkerung weiterhin auf territoriale Weise, verfolgt aber offiziell keine Bevölkerungskontrolle. Das Konzept der reproduktiven Geopolitik zielt darauf ab, diese nicht wahrgenommene Bevölkerungspolitik explizit zu machen.