11/06/2019
KOR-Safari Juni 2019 – Die Frankfurter Alte Brücke
Wer im mittelalterlichen Frankfurt von „Hibbdebach“ nach „Dribbdebach“ wollte, also von der Sachsenhausen in die Innenstadt, war auf die Alte Brücke angewiesen – denn eine andere Möglichkeit den Main zu überqueren gab es bis 1868 nicht. Die Verbindung der Mainufer war bereits seit dem 11. Jahrhundert ein wichtiges Wegekreuz zwischen Nord und Süd und trug wohl dazu bei, dass sich Frankfurt nicht nur zum Krönungsort von Königen und Kaisern entwickelte, sondern auch zur Messestadt; es ist also keinesfalls übertrieben die Alte Brücke Ausgangspunkt der Frankfurter Stadtentwicklung zu nennen.
Doch auch aus stadtbildprägender Sicht ist die massive Brücke aus rotem Mainsandstein ein wichtiger Teil der Uferszenerie. Nachdem sie im Laufe der Jahrhunderte 18 Mal zerstört und wiedererrichtet wurde, könnte man sie heute beinahe als „Neue Alte Brücke“ bezeichnen; ihre letzte Sanierung fand 2014 statt. Unter Berücksichtigung der alten Formen und des historischen Stils ließ man bei der Sanierung den geschichtlichen Hintergrund der Brücke nicht außer Acht: So befinden sich heute auf dem Bauwerk eine ebenfalls aus rotem Sandstein gehauene Statue des mythischen Stadtgründers Karl des Großen sowie ein Kruzifix, auf dessen Spitze der sagenumwobene Brickegickel thront.
Das Standbild Karl des Großen kam am 23. August 1843 als Schenkung des Städelschen Kunstinstituts an die Stadt Frankfurt zu seinem Platz auf der Brücke. Mittlerweile steht das von Karl Eduard Wendelstadt erschaffene Original im Historischen Museum Frankfurt, während sich auf dem Mainübergang nur noch eine Kopie befindet. Karl, König der Franken, und erster weströmischer Herrscher, der seit der Antike die Kaiserwürde erhielt, spielte in der Gründungsgeschichte der Stadt Frankfurt eine entscheidende Rolle: Der Sage nach sollen sich unter Karl die Franken auf der Flucht vor den Sachsen auf die nördliche Seite des Mains gerettet haben. Über den Main geleitet habe sie dabei eine Hirschkuh, welche die Franken aus göttlicher Barmherzigkeit in die „Furt der Franken“ führte – das heutige Frankfurt. Weitere Sagen behaupten, die Sachsen hätten sich an der anderen Seite niedergelassen, weshalb dieser Ort Sachsenhausen genannt wurde.
Es gibt aber auch die Variante, die überliefert, dass Karl der Große die Sachsen unterworfen habe und sie zur Siedlung auf fränkischem Boden genötigt habe. Die Mythen um die Gründung der Stadt wurden über die Jahrhunderte so weitergetragen, obwohl sie nicht der historischen Wahrheit entsprechen können: Denn bei dem Gründer Frankfurts handelt es sich wohl nicht um Kaiser Karl, sondern vielmehr um König Karl – also Karl Martell, den Großvater Karl des Großen.
Neben Karl dem Großen gilt auch der „Brickegickel“ (Brückenhahn) als Wahrzeichen der Alten Brücke: Schon auf der ersten Abbildung aus dem Jahr 1405 ist er zu sehen. Die Legende besagt, dass der Brückenbaumeister, nachdem er vergeblich zu den Heiligen gebetet habe, einen Pakt mit dem Teufel einging, um den Bau rechtzeitig zu beenden. Doch der Teufel forderte als Gegenleistung, die Seele des ersten Lebewesens zu erhalten, das die Brücke überquert. Der Brauch verlangte, dass diese Erstüberquerung dem Baumeister zufiel. Der Teufel hielt sein Versprechen und vollendete die Brücke innerhalb einer Nacht. Als der Baumeister vom Krähen eines Hahnes geweckt wurde, kam ihm die Idee zu seiner Rettung: Er trieb den Hahn über die Brücke – und entkam so dem teuflischen Pakt, wodurch der Teufel stattdessen die Seele des Hahnes erhielt. Beelzebub soll wegen dieses Betruges so wütend gewesen sein, dass er den Hahn kurzerhand in zwei Stücke riss und durch die Brücke warf.
Begibt man sich weg von den mythischen Überlieferungen und hin zum historischen Zusammenhang, erfährt man, dass 1401 das Kruzifix, auf welchem der Brickegickel thront, in der Mitte der Brücke aufgestellt wurde, um die tiefste Stelle des Mains zu markieren. Den Auftrag für das Kreuz erhielt der Schmied Mersefeldt, der es vermutlich nach einem aus Holz geschnitzten Vorbild aus dem Jahre 1340 herstellte. Beide Christusfiguren befinden sich heute im Historischen Museum.
An dieser Stelle des Flusses fanden jahrhundertelang Hinrichtungen statt; der Tod durch Ertränken war bis etwa 1500 die Häufigste Art der Exekution in Frankfurt. Während das Kruzifix den Verurteilten Trost spenden und auf die Vergebung der Sünden und die Gnade Gottes hinweisen sollte, stand der darüber angebrachte Hahn für die Verleugnung Jesu durch Petrus, wurde also als Zeichen der Reue gesehen und ermahnte die zum Tode Verurteilten zur Buße, kurz bevor sie starben - 1613 fand die letzte Hinrichtung dieser Art statt.
Um die Alte Brücke ranken sich viele weitere Sagen und Legenden und es gibt noch einiges mehr über sie zu berichten – von gestern, heute und sicherlich auch noch morgen. Einen Besuch ist sie auf jeden Fall wert; egal ob man sie fußläufig oder im Auto überquert, auf dem Schiff unter ihr hindurch fährt, oder sich einfach nur am Mainufer zu ihren Pfeilern niederlässt und ein paar Stunden am Mainufer genießt.
Text und Fotografien von Marlène Heinzinger.