29/05/2026
»Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich sozialisiert bin.«
Eine Aussage, die nur eine der vielen Gemeinsamkeiten von Victor Schefé und Tassilo – dem Protagonisten seines Debütromans »Zwei, drei blaue Augen« – darstellt. Am vergangenen Dienstag war der Schauspieler und Autor im Notaufnahmelager Gießen zu Gast, um aus dem Roman zu lesen.
Im Gespräch mit Moderatorin Kirsten Prinz wurden die Frage nach der Sozialisation und das Gefühl des »Dazwischen-Seins« deutlich. Während Prinz im Westen sozialisiert wurde, verbrachte Schefé seine ersten 19 Jahre im ostdeutschen Rostock. Gemeinsam reflektierten sie Unterschiede im Aufwachsen und Erleben der eigenen Jugend – zum Beispiel, wenn es darum ging, wie man am besten an die neue Platte von Tina Turner kam. Was im Westen gleich im nächsten Schallplatten erledigt werden konnte, blieb für Victor Schefé im Osten ein heimlicher Akt.
Die Lebendigkeit des Abends ging auch dann nicht verloren, als Schefé von seinen Erfahrungen der Beschattung durch die Staatssicherheit berichtet. Die Moderatorin las Auszüge aus der Stasi-Akte vor, während der Autor mit Einblicken in die Gefühlswelt von seinem Protagonisten einen Weg findet, dieser von ihm abgelehnten Sprache zu trotzen. Auf die Frage, wie sich diese Erfahrungen überhaupt aushalten ließen, antwortet Schefé: »Aus heutiger Perspektive war das nicht auszuhalten. Es war die Liebe, die mich durch diese Zeit geführt und mich das ganze durchhalten lassen hat.«
Ein riesiger Dank gilt Victor Schefé und Kirsten Prinz für diesen spannenden Abend, der »an Interessanz nicht zu überbieten« war. Ein weiterer großer Dank gilt unseren Kooperationspartnern – dem Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen sowie dessen Förderverein für die rundum gelungene Zusammenarbeit.
-literatur