20/11/2022
"Sie hatte die offensichtliche Hässlichkeit aller Gopher Prairies kritisch untersucht. Sie war der Ansicht, es lag an der allgemeinen Gleichartigkeit, an der Landläufigkeit der Planung, die die Städte wie Grenzlager aussehen ließ. Die günstigen natürlichen Gegebenheiten waren nicht genutzt worden, so daß Hügelketten mit Gesträuch überwucherten, Seen von Eisenbahnlinien umschlossen wurden und an den Bächen Steinhalden lagen. ... Man konnte den Stürmen und dem trostlosen Land ringsum nicht entkommen ... Neun Zehntel der amerikanischen Kleinstädte sind so gleich, daß es der Gipfel der Langeweile ist, von einer zur anderen zu wandern. Westlich von Pittsburgh, und oft auch östlich davon, findet man immer den gleichen Holzhof, die gleiche Eisenbahnstation, die gleiche Ford-Garage, die gleiche Molkerei, die gleichen kistenähnlichen Häuser und Geschäfte. ... Packte man Kennicott und versetzte ihn im Nu aus Gopher Prairie in eine meilenweit entfernte Stadt, er würde nichts merken. Er würde anscheinend die gleiche Hauptstraße (sicherlich würde sie Hauptstraße heißen) entlanggehen, im gleichen Drugstore würde er die gleichen jungen Männer den gleichen jungen Frauen mit den gleichen Magazinen und Grammophonplatten unter dem Arm die gleiche Eiscremesoda servieren sehen. Erst wenn er die Stufen zu seinem Büro hinaufginge und ein anderes Schild an der Tür, drinnen einen anderen Dr. Kennicott fände, würde ihm klar, dass aller Wahrscheinlichkeit nach etwas Absonderliches vor sich gegangen sei."
Sinclair Lewis, Die Hauptstraße (1920), Übersetzung Franz Fein, Rowohlt Verlag, 1. Auflage von 1969, S. 338f.