30/09/2022
Vorlesung
Wem gehört Anatolien? Römer, Byzantiner, Türken und das Kulturerbe
Do 12-14 Uhr
Dr. Armin Bergmeier
In der Forschung und in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit ist bereits häufiger gefragt worden, wem die Antike gehört (bspw. James Cuno, Who Owns Antiquity: Museums and the Batle over Our Ancient Heritage, 2008). Dabei ist der Diskurs jedoch eurozentristisch auf die „klassische“ Antike und auf westliche Besitzansprüche und lineare Genealogien verengt worden. Seit der Renaissance und verstärkt seit dem Philhellenismus des 18. und 19. Jahrhunderts scheint klar zu sein, dass die rechtmäßigen Eigentümer der Antike die Nationen des globalen Westens sind, also Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, die USA usw. War doch das Konzept des kulturellen Erbes und der damit verbundenen nationalen Identität entscheidend für die Herausbildung dieser Nationen mit festen Grenzen, Sprachen, Traditionen und religiösen Überzeugungen. Strittig sind lediglich Fragen ob der Parthenonfries rechtmäßig Griechenland oder Großbritannien gehört oder ob sich einzelne Objekte rechtmäßig in US-amerikanischen Sammlungen befinden oder aber an Italien zurückgegeben werden sollten (bspw. der Euphronios Krater). Die Bewohner Anatoliens im Mittelalter und in der Neuzeit – grob zusammengefasst Byzantiner und Türken – bleiben außerhalb der Debatte.
Diese Vorlesung wird die eurozentristische Engführung der bisherigen Diskussion kritisch beleuchten und erweitern. Ziel ist es, im Sinne jüngerer postkolonialer Ansätze, eine bislang zumeist ausgegrenzte Gruppe von Akteuren zu Wort kommen zu lassen. Die Vorlesung wird daher zunächst nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte, dass den Personen, die mit den Monumenten lebten und leben das Recht auf Identifizierung mit ihrem kulturellen Erbe abgesprochen wurde und wie der Westen Besitzansprüche auf das Erbe der vorislamischen Vergangenheit Anatoliens rechtfertigte. Es werden weiterhin Gegenentwürfe zu einer „islamischen“ und „byzantinischen“ Antike in Anatolien aus der Zeit vor 1500 untersucht, die die neuzeitlichen Narrative konterkarieren. Schließlich wollen wir auf dieser Grundlage gemeinsam diskutieren, welche Beziehung es zwischen Identität und Kulturerbe gibt, wie mit nationalstaatlichen Ansprüchen auf das kulturelle Erbe der Vergangenheit umzugehen ist und welche Rolle die Antike und Byzanz für die türkische bzw. anatolische Identität spielen.
Abb. 1 und 2 A. Bergmeier