07/10/2026
[𝟑 𝐅𝐫𝐚𝐠𝐞𝐧 𝐚𝐧...] Juliane Niklas, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Holocaust-Studien
H-Diaries-Projekt
1. Kannst du euer Forschungsprojekt in drei Sätzen beschreiben?
Im deutsch-französischen H-Diaries Projekt untersuchen wir Tagebücher von Menschen, die als Jüdinnen*Juden verfolgt wurden, als zeitgenössische Zeugnisse des Holocaust. Dafür erstellen wir erstmals ein Inventar dieser Tagebücher und erfassen unter anderem ihre Materialität, Überlieferungsgeschichte und die Biografien ihrer Verfasser*innen. Außerdem verschlagworten und kartografieren wir die Inhalte der Tagebucheinträge, um die vielfältigen Erfahrungen und Perspektiven sichtbar zu machen.
2. Kannst du uns eine individuelle Geschichte aus deinem Projekt vorstellen?
Ich würde gerne mehrere Geschichten erzählen, die alle um denselben Tag passieren, den 23. Januar 1944. Etliche Tagebuchschreibende aus unserem Korpus waren zu diesem Zeitpunkt bereits ermordet worden. Während Rywka Lipszyc im Ghetto Litzmannstadt an diesem Tag ihrem Tagebuch anvertraut, wie verzweifelt sie um ihr Überleben bangen, schreibt der aus dem Ghetto Minsk geflohene Gennadij Levin davon, wie er mit den anderen Parteipartisan im belarusischen Wald den 26. Jahrestag der Roten Armee mit Essen, Alkohol, Musik und Tanz feiert. Zur gleichen Zeit liest Victor Klemperer in Dresden „Mein Kampf“, wie er ebenfalls in seinem Tagebuch festhält. Die Einträge dieses einen Tages zeigen, wie unterschiedlich jüdische Perspektiven und Erfahrungen mitten im Holocaust sein konnten.
3. Was wünschst du dir für die Zukunft deines Forschungsfeldes?
Ich wünsche mir, dass das Forschungsfeld noch breiter und vielfältiger wird, und damit meine ich in erster Linie sprachlich und methodisch. Manche Tagebücher werden wir im Projekt nicht erschließen können, weil uns die nötigen Sprachkenntnisse fehlen und Kenntnisse unterschiedlichster Stenografien nötig wären.
Mehr zum H-Diaries-Projekt findet ihr hier: https://www.holocaust-diaries.com/index.html
Bilder: Cover der Tagebücher von Rywka Lipszyc und Gennadij Levin.
Lipszyc, Rywka. Dziennik z getta łódzkiego. [Tagebuch aus dem Ghetto Litzmannstadt.] Herausgegeben von Ewa Wiatr. Krakau: Wydawnictwo Austeria, 2017.
Levin, Gennadij Jur’evič. „Moja žizn’ vo vremja vojny“ [Mein Leben während des Krieges], Archiv des Instituts für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften (IRI RAN), Moskau. Online verfügbar auf https://qed.perspectivia.net/soviet-survivors-backend/receive/sovsurv_mods_00000791