21/09/2026
„Eene meene mei, flieg los Kartoffelbrei“: Mit Bibi Blocksberg wurde die Hexe im deutschsprachigen Kinderzimmer zur eigensinnigen, manchmal überforderten, aber sympathischen Identifikationsfigur; Buffy und Sabrina erschienen hingegen als jugendliche Heldinnen zwischen Alltag, romantischem Begehren und übernatürlicher Verantwortung. Heute zirkuliert die Hexe als gleichsam ästhetische, spirituelle und konsumierbare Figur: auf TikTok, in urbanen Räumen (Hegner 2019), in Selfcare-Routinen, auf Etsy zwischen Tarot-Decks, Schutzamuletten oder „Spell Jars“. Sie fungiert als Symbol weiblicher Macht, als Projektionsfläche für Angst, als kommerzialisierte Lifestyle-Figur oder als selbstermächtigende Akteurin. Vor allem aber ist die Figur eng mit realen Gewaltgeschichten verwoben: In den frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen, denen in Europa zwischen 40.000 und 60.000 Menschen zum Opfer fielen, griffen juristische, soziale und geschlechtliche Ordnungen ineinander (Behringer 2006). Seit den 1980er-Jahren haben feministische Perspektiven die Hexe verstärkt als Figur gelesen, in der sich patriarchale Ordnungsvorstellungen, Misogynie und die Abwertung weiblich konnotierten Wissens spiegeln (Graichen 1986; Hauschild 1987). Gegenwärtige Formen des Reclaiming – von Wicca und neopaganen Praktiken bis zu urban witchcraft – greifen die Hexe als widerständige, selbstbestimmte und handlungsfähige Figur auf, bewegen sich aber zugleich im Spannungsfeld von Plattformökonomie und Ästhetisierung. Das Seminar nähert sich der Hexe als kultureller Figur zwischen Erzähltradition, Verfolgungsgeschichte, Populärkultur und gegenwärtiger (feministischer) Praxis. Gefragt wird danach, wie die Hexe jeweils hervorgebracht, bewertet, verkörpert, vermarktet und angeeignet wird. Methodisch kommen medienanalytische Zugänge ebenso infrage wie ethnografische Beobachtungen, qualitative Interviews, Objektanalysen und digitale Ethnografie. Ziel ist es, die Hexe nicht als stabile Gestalt, sondern als kulturelle Figuration zu verstehen, in der historische Gewalt, populäre Fantasie, feministische Kritik und gegenwärtige Selbstentwürfe zusammenlaufen.
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