17/06/2023
Heute vor 70 Jahren brach der erste Volksaufstand gegen die Herrschaft der SED und den sozialistischen Alleinherrschaftsanspruch in der damaligen DDR aus. In den Tagen zuvor waren in Ostberlin Arbeiter gegen die Erhöhung ihrer Arbeitsnorm bei ausbleibender Lohnerhöhung auf die Straße gegangen. Nun begannen in der gesamten DDR die Belegschaften besonders der großen Betriebe eben diese zu bestreiken und sich zu Demonstrationszügen in die Innenstädte überall im Lande zu begeben. Zwischen einer halben und eineinhalb Millionen gingen wegen ihres Ärgers über die Bevormundung und Ausbeutung durch die aus KPD und SPD hervorgegangene Sozialistische Einheitspartei Deutschlands auf die Straße. In vielen Orten wurden die SED Organe hinweggefegt und so die Herrschaft des realexistierenden Sozialismus in Frage gestellt. Diese gewaltige Leistung beeindruckt umso mehr, da es damals keine zentralen Führungsfiguren des Aufstandes gab. Niemand hatte ihn geplant oder konnte ihn lenken. Die bisher einzig bekannte konkrete politische Forderung, die über die Senkung der Arbeitsnorm und Lebenshaltungskosten hinausging, verfasste die zentrale Streikleitung des Kreises Bitterfeld. Diese forderte darin:
Rücktritt der sogenannten Deutschen Demokratischen Regierung, die sich durch Wahlmanöver an die Macht gebracht hat
Bildung einer provisorischen Regierung aus den fortschrittlichen Werktätigen
Zulassung sämtlicher großer Parteien Westdeutschlands
Freie, geheime, direkte Wahlen in vier Monaten
Freilassung sämtlicher politischer Gefangener (direkt politischer, sogenannter Wirtschaftsverbrecher und konfessionell Verfolgter)
Sofortige Abschaffung der Zonengrenze und Zurückziehung der Volkspolizei
Sofortige Normalisierung des Lebensstandards
Sofortige Auflösung der sogenannten Volksarmee
Keine Repressalien gegen einen Streikenden
Die Regierung der DDR flüchtete sich nach Berlin-Karlshorst unter den Schutz der sowjetischen Truppen. Um 13 Uhr wurde für Berlin, und bald darauf auch für weitere 166 der 217 Landkreise der DDR der Ausnahmezustand durch die sowjetischen Behörden verhängt. Hierdurch übernahm die Sowjetunion die Regierungsgewalt und ließ in allen betroffenen Städten Truppen aufmarschieren. Insgesamt waren etwa 20.000 Rotarmisten und 8000 kasernierte Volkspolizisten (Vorgänger der NVA) an der Niederschlagung des Aufstandes beteiligt. Am 17. Juni wurden 34 Demonstranten und Zuschauer von Polizei und sowjetischen Truppen erschossen. Sieben Menschen wurden nach Todesurteilen hingerichtet. Insgesamt kam es im Zuge des Volksaufstandes zu 55 Todesopfern und 20 weitere Todesfälle sind nach wie vor ungeklärt.
Da die Niederschlagung nur durch sowjetische Truppen gelang, beschloss die SED, Vorgängerin der heutigen Partei Die Linke, die Einrichtung sogenannter Kampfgruppen der Arbeiterklasse, bewaffnete paramilitärische Einheiten, die aus gedienten Arbeitern der Betriebe gebildet wurden. Diese sollten die Betriebe bei einem erneuten Volksaufstand verteidigen und dann die Niederschlagung des Aufstandes unterstützen. Die Hoffnung, diese Einheiten würden im Aufstandsfalle auf Familie, Freunde und Kollegen schießen, erfüllte sich im Umsturzjahr 1989 nicht und trug so wesentlich zu Destabilisierung des Unrechtsregimes zwischen Elbe und Oder bei.
Der Satz, das Volk habe das Vertrauen der Regierung verscherzt, stammt von Berthold Brecht. Wörtlich schrieb er:
Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?
Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere Bundespräsident Joachim Gauck war am 19.06.2016 der Meinung
„... da gibt es etwas, was wir heilen müssen, was wir verbessern müssen, wo wir miteinander neu diskutieren müssen. Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem...“
Wir als Burschenschaft setzen uns für die unbedingte Volksherrschaft in einem freien und geeinten Vaterland ein. Wir wollen, gleich Brecht, dass die Eliten dem Wohle des Volkes dienen und seinem Willen unterworfen sind, nicht umgekehrt. Und das schon 1815, 1819, 1832, 1848, 1871, 1919, 1949 und 1989!