03/11/2024
Das Wintersemester 1911/1912 war für unser Corps von besonderer historischer Bedeutung: Zum 30. Stiftungstag im Januar beschlossen die Corpsbrüder, dass es an der Zeit sei, ein eigenes Heim zu erwerben. Die Wahl fiel auf eine Villa in der Stephanstraße 7a, die sich durch kleine bauliche Anpassungen ideal als Corpshaus eignete. In der Corpschronik von 1932 ist dieses Haus wie folgt beschrieben:
"In Rostocks vornehmster Gegend gelegen, bot die Villa neben einem kleinen Vorgarten auch einen gepflegten Garten, der sich wunderbar für Sonnenbäder nach dem Paukboden oder zum gemütlichen Verweilen in der buschigen Ecke eignete. Im Keller befanden sich eine moderne Heizungsanlage, Vorratsräume und eine großzügig angelegte Küche. Vom überdachten Treppenaufgang gelangte man ins Hochparterre und direkt in die Diele, die mit stilvollen Klubmöbeln und Teppichen einen repräsentativen Eindruck vermittelte. Von hier aus führte eine Flügeltür in die große Kneipe, die sich über die gesamte Vorderfront erstreckte und Platz für bis zu 80 Personen bot. Neben der Diele lag das Empfangs- und Rauchzimmer, das mit gemütlichen Sitzmöbeln und einem Klavier ausgestattet war. Angrenzend befand sich das Speisezimmer, verbunden mit einem Wintergarten, von dem aus eine Treppe in den Garten führte. Im ersten Stockwerk waren das CC-Zimmer, zwei Wohnungen für die Aktiven sowie zwei Räume für den Corpsdiener untergebracht; ein Badezimmer und eine Toilette ergänzten die Etage. Auf dem Dachboden wurde gepaukt."
Im Sommersemester 1912, passend zum 30. Stiftungsfest, wurde das neue Corpshaus feierlich eingeweiht. Die Freude über das erste eigene Haus war jedoch von kurzer Dauer. Verschiedene Umstände, vor allem aber die schwierige Wirtschaftslage während des Ersten Weltkriegs, führten letztlich dazu, dass Visigothia sein Corpshaus verlor. Erst im Wintersemester 1923/24 fand das Corps wieder ein Heim, diesmal am Johannisplatz 4.
Die Villa in der Stephanstraße wurde im Sommersemester 1933 von Obotritia übernommen und dient – im Gegensatz zu den weiteren früheren Corpshäusern am damaligen Johannisplatz 4 und der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße 2 (damals Kaiser-Wilhelm-Straße), welche nicht mehr existieren – noch heute nahezu unverändert als Wohn- und Geschäftshaus.