25/06/2020
Zur Zeit von Sommersonnenwende / Johannistag blühen die Laubkräuter. Ich liebe besonders den (Wiesen-) Duft des echten Labkrauts. Wolfgang Stein vom Botanischen Garten hat wieder viel interessantes aufgeschrieben.
Unsere heimischen Blumen in Mythologie, Brauchtum und Etymologie
Unserer-Lieben-Frauen-Bettstroh
Wie? Noch nie gehört? Dabei ist es eine hierzulande häufige Wiesenblume. Zugegeben, der Name ist schon merkwürdig. Aber wie so viele unserer Bezeichnungen für unsere Blumen gibt er Auskunft über die Denk- und Lebensweise unserer Vorfahren. Was es damit auf sich hat? Lesen Sie hier…
Das Echte Labkraut
„Unserer lieben Frauen Bettstroh“ oder kurz „Liebfrauenstroh“ waren die ursprünglich geläufigen Namen des Echten Labkrautes. Mit dem Begriff Frauen meinten unsere germanischen Vorfahren allerdings nicht die eigenen lieben Frauen aus dem Volke. Vielmehr ist diese Bezeichnung, wie etwa auch bei dem Begriff „Liebfrauenkirche“, als der alte schwache Genitiv der Einzahl (mittelhochdeutsch: frowen) zu verstehen. Und als die eine „liebe Frau“ (der Franzosen „Notre Dame“) galt den Germanen zunächst die Freia, Göttin der Liebe und Schützerin von Ehe und Geburt (übrigens auch namensgebend für den Freitag). Dieser Göttin war diese Pflanze besonders heilig.
Gemäß dem alten Volksglauben galt ein Strohbündel aus Echtem Labkraut in der Wiege von Säuglingen als Mittel gegen Krämpfe und Zauberei. Auch werdenden Müttern wurde zur Erleichterung der Geburt ein Bündel Liebfrauenstroh (mancherorts auch aus Waldmeister oder Feldthymian) ins Bett gelegt. Selbst den Sterbenden sollten die heidnischen Götter in Form von Ähren und Halmen in den Betten erscheinen.
Von Freia zu Maria…
Das später aufkommende Christentum tat sich nicht leicht, unseren Vorfahren solche heidnischen Bräuche auszutreiben. So wurden im Jahre 734 in einem eigens abgehaltenen Konzil dreißig altgermanisch-heidnische Bräuche zu Unsitten erklärt, darunter auch jener Neunzehnte: „Von dem Strohbündel“.
Vom alten Brauchtum ließ sich das Volk allerdings zunächst kaum abbringen, wohl aber vom alten Glauben. Und so widmete man das Strohbündel fortan der weiblichen Lichtgestalt des neuen Glaubens, der Jungfrau Maria. Muttergottes- oder Marienbettstroh wird das Echte Labkraut seither auch genannt. In manchen katholischen Gegenden wird es an dem Fest Maria-Krautweihen der heiligen Jungfrau geweiht.
Das Echte…
Über eine Handvoll Labkraut-Arten können wir hierzulande unterscheiden, darunter auch der allseits bekannte Waldmeister (botanisch: Galium odoratum). Das gelbblütige Echte Labkraut (Galium verum, aus dem lateinischen verum für echt) ist in unserer Region sehr verbreitet. Man findet es auf trockenen Wiesen, an Wegrändern und in lichten Wäldern, ebenso wie das weißblütige Wiesen-Labkraut.
Zur Käsebereitung…
Der Botanische Name Galium ist der latinisierte Name des griechischen „gálion“, den bereits Dioskurides zur Zeit der Antike für diese Pflanze benutzte. Er leitet sich aus dem griechischen Wort gála für Milch ab (vgl. Galaxie = Milchstraße). Der Begriff Lab in der deutschen Benennung bedeutet den vierten Magen junger Rinder. Verständlich werden beide Namensgebungen, wenn man weiß, dass unser Labkraut wie auch das Labferment aus dem Kälbermagen dazu benutzt wurde, bei der Käsebereitung die Milch zum Gerinnen zu bringen.
Eine Bienenweide…
In der Volksmedizin ist die Pflanze nur von untergeordneter Bedeutung. Dort gilt sie als blutreinigendes und harntreibendes Mittel gegen Nierenleiden und Wassersucht. Zur Heuernte ist das Kraut weniger geeignet, da es beim Trocknen schwarz und schlechtschmeckend wird. Eine beliebte Bienenweide ist es aber allemal.
Merkwürdig…
Einer sehr frommen christlichen Legende nach soll selbst die heilige Jungfrau Maria diesem später von höchster kirchlicher Stelle zur Unsitte erklärten heidnischen Brauchtum erlegen gewesen sein, soll sie doch ihrem Jesuskindlein ein Bett aus Liebfrauenstroh bereitet haben.
Foto und Text: Wolfgang Stein, Universität des Saarlandes
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